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Archiv vom Mai, 2013

30. Mai 2013

Als eine Zeitschrift noch Biss und Intellekt besass.

by Simone Gröbli

Stöbern im buchplanet lohnt sich, geneigte Blog-Leser. Das durfte ich wieder einmal in dieser Woche erfahren. Denn ich stiess auf ein Buch, dass eine Zeitschrift porträtiert die mich wegen ihren Autoren und dem damit verbundenen Intellekt immer schon fasziniert hat.

Gemeint ist die Weltbühne, das rote kleine Heft. 1905 als reine Theaterzeitschrift aufgrund einer Plagiatsaffäre die Siegfried Jacobsohn betraf, von ihm gegründet, entwickelte sie sich nach ihrer Umbenennung am 4.April 1918, zu dem Forum der radikaldemokratischen bürgerlichen Linken der Weimarer Republik.

Bekannte Literaturgrössen fanden bei dieser Zeitschrift ihre publizistische Heimat; Lion Feuchtwanger, Erich Mühsam, Else Lasker-Schüler, Carl Zuckmayer, Arnold Zweig, Carl von Ossietzky und Kurt Tucholsky, um hier nur einige zu nennen.

Aber trotz diesen klangvollen Namen war es ein steter, nicht nur in wirtschaftlicher Hinsicht, „Überlebenskampf“ für die Weltbühne. Schon zu Zeiten des ersten Weltkrieges, als, wie schon erwähnt, sie noch „nur“ eine Theaterzeitschrift war, drohte die Zensur. Die schlug am 23. Dezember 1915 zu. Mittlerweile, genauer gesagt ab Weltkriegsbeginn August 1914  wurde das Heft mit einem politischen Leitartikel bestückt. Als der Journalist Robert Breuer ab November 1915 unter dem Pseudonym „Cunctator“ die Politik der Reichregierung ins Visier nahm und den Beitrag „Die Krise des Kapitalismus“ mit dem Satz krönte; „Nur die Internationale des Proletariats kann die Krise des national verbrämten Kapitalismus überwinden“, war es vorbei mit lustig.

Denn eben der besagte Zensurhammer schlug zu. Die Zeitschrift wurde verboten und Siegfried Jacobsohn konnte diesen Bann nur damit umgehen, indem er einer Vorzensur einwilligte. Zum Überleben des Heftes in dieser Zeit trug anscheinend und zwar nicht unmassgeblich, schlussendlich bewiesen ist es aber nicht, die Bezahlung der Anzeigen für Kriegsanleihen, die in Regelmässigkeit in Blatt annonciert wurden.

Nach der Umbenennung zur Weltbühne wurde das Heft zu einem der wichtigsten Befürworter der Weimarer Republik.

Die nächste Existenzgefährdung des Heftes entstand, als der Gründer Siegfried Jacobsohn am 3.Dezember 1926 plötzlich starb. Kurt Tucholsky einer der prägenden Gestalten der Zeitschrift wurde, wie er es selber spöttisch nannte, „Oberschriftleitungsherausgeber“ und die Witwe Jacobsohns, Edith, übernahm die Verlagsleitung und setzte damit das Lebenswerk ihres Mannes fort. Aber Tucholsky war in erster Linie Publizist und kein Herausgeber. Demzufolge löste Ihn Carl von Ossietzky, der andere prägende Kopf der Weltbühne von dieser Position 1927 ab. Auf dem Titelblatt hiess nun; „unter der Mitarbeit von Kurt Tucholsky“, während Carl Ossietzky offiziell all Herausgeber fungierte. Reibungslos ging die Zusammenarbeit zwischen dem beiden Persönlichkeiten nicht von statten, erst 1932 gestand Tucholsky, dass Ossietzky dem Blatt einen „gewaltigen Auftrieb gegeben“ habe.

Verzweifelt versuchte das Blatt in den letzten Jahren der Weimarer Republik, die „Reise ins Dritte Reiche“ (Tucholsky) zu verhindern. Es war hoffnungslos, es wurden zwar etliche aufsehenerregende Artikel antimilitaristischer Natur veröffentlicht, die dann dazu führte, dass das Blatt sich quasi im juristischen Dauerclinch mit dem Reichswehrministerium befand.

Ossietzky musste deswegen im Mai 1932 wegen des Vorwurfes der Spionage eine 18 Monate Haft antreten, wurde aber aufgrund einer Amnestie an Weihnachten des gleichen Jahres wieder entlassen. Als aber ab dem Januar 1933 die braune Brühe anfing zu wüten,  war es nur eine Frage der Zeit wann Carl von Ossietzky verhaftet, beziehungsweise die Weltbühne verboten werden würde. So geschah es dann auch. Ossietzky wurde in der Nacht des Reichstagsbrandes, vom 27. auf den 28. Februar 1933  verhaftet. Damit begann für ihn eine unvorstellbare Leidenszeit, aber auch unter der schlimmsten Folter war er nicht bereit sich zu Hitler zu bekennen. Zu Recht wurde ihm 1936, rückwirkend für das Jahr 1935 der Friedensnobelpreis zugesprochen. Die Weltbühne selber erschien zuletzt am 7.März 1933, die Ausgabe vom 14.März wurde zwar gedruckt, konnte aber nicht mehr ausgeliefert werden. Der letzte Satz der letzten ausgelieferten Ausgabe lautete: „Denn der Geist setzt sich doch durch“.

Das war also ein kurzer Abriss über die Weltbühne. Wenn Sie, geschätzte Blog Leser noch einen vertieften Einblick, auch was vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg  mit der Zeitschrift geschah, erhalten wollen, empfehle ich ihnen das Buch das mir eben im buchplanet in die Finger kam. Es stammt von Ursula Madrasch- Groschopp. Sie trat 1946 als Redaktionsassistentin der Weltbühne Redaktion bei und war dann anschliessend 27 Jahre lang Stellvertretende Chefredakteurin des Blattes.

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29. Mai 2013

St. Gallen und seine Brunnen

by Josef Beda

Wie die meisten Städte, präsentiert auch die Hauptstadt des Kantons St. Gallen zahlreiche Brunnen. Auf dem Hoheitsgebiet der Stadt St. Gallen sind über 100 Brunnen in verschiedensten Formen und Grössen aus unterschiedlichen Zeitepochen zu finden; nur aus sieben dieser »Wasserwerke« sollte das Wasser nicht getrunken werden; alle anderen werden mit gleichem Wasser wie die Haushalte gespiesen. Manche Brunnen sind so versteckt, dass man sie kaum sehen kann, andere sind gross und inmitten von Plätzen installiert, wo sie oft alles andere um sich herum in den Schatten stellen. Derzeit, vor der Abstimmung vom 9. Juni, wird besonders viel über den »Lämmler-Brunnen« gesprochen. Sollte das St. Galler Stimmvolk der Neugestaltung des Bahnhofareals zustimmen, könnte es sein, dass der vom St. Galler Künstler Köbi Lämmler gestaltete Brunnen versetzt werden muss. Auf den ersten Blick ist es nicht einfach die Form des Brunnens zu interpretieren. Doch wenn man sich erinnert, dass St. Gallen eine der Hochburgen der Schweizerischen Textilindustrie war und auch heute noch für ihre exklusive St. Galler Spitzen weltweit bekannt ist, wird klar ersichtlich, dass die Bronzeskulptur einen Stoff mit Faltenwurf darstellt. Durch die gegenwärtige Diskussion ist das Gerede um einen anderen Brunnen, der seit seiner Installation für Aufsehen sorgte, etwas in den Hintergrund getreten: Das rote Fass! Man hat sich an das auf vier hohen Stelzen montierte rote Fass gewöhnt. Doch in den 1980-er Jahren war der vom wohl berühmtesten St. Galler Künstler – Roman Signer – entworfene Brunnen höchst umstritten.

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Aus den 1990-er Jahren, stammt das kleine Büchlein welches den Titel »Das rote Fass von Roman Signer«. trägt. Für das 64 Seiten umfassende Heft sammelte Thomas Schwager viele Zeitungsausschnitte, die als Leserbriefe bei den Tageszeitungen eingegangen sind und von denen veröffentlicht wurden. Alle diese Artikel beschäftigen sich unter eigenen Gesichtspunkten und Ausdruckweisen mit dem Kunstwerk »Rotes Fass«. Manch lustige Zeichnung visualisiert das Geschriebene auf vorzügliche Weise.

Das kleine Heftchen ist bei uns – buchplanet.ch – verfügbar und kann erworben werden. Es ist wahrscheinlich eines der wenigen noch erhaltenen Exemplare.

 

Bild-Quellen:
Bild A: Rückseite des Heftes

 

 

28. Mai 2013

Ist das Tier unvernünftig?

by Sara Grob

Vor mir liegt ein Büchlein mit dem Titel „Ist das Tier unvernünftig? Neue Einblicke in die Tierseele“. Es ist vielleicht ein wenig schwierig sich den Inhalt dieses Buches vorzustellen. Ich möchte deshalb einige Punkte aus dem Inhaltsverzeichnis zitieren:

Der Bureaukratismus bei den Menschen
Selbst die klügsten Menschen sind nicht frei von Anwandlungen des Bureaukratismus, benehmen sich ferner ganz besonders töricht in lebensgefährlichen Lagen.

Das Anglotzen von Rindern und Antilopen. Die Kuh vorm neuen Tor
Auch das Anglotzen der Rinder und Antilopen beruht auf ihrem schwachen Gesicht

Die angebliche Dummheit der Raupen
Schmetterlinge und Raupen haben ein enormes Geruchsvermögen, aber nur ein schwaches Gesicht. Deshalb ist es keine Dummheit, wenn Raupen einen Weg nicht abzukürzen lernen, wenn sie das Ziel nicht sehen.

Die Jägersche Verwittrungstheorie
Nasentiere, insbesondere Pferde, Rinder und Hunde lassen sich dadurch zutraulich machen, dass ihr Herr sie mit seiner Ausdünstung imprägniert.

Die Post der Tiere
Wie die Verbrecher und Zigeuner sich durch Zinken, die an gewissen Stellen angebracht werden, verständigen, so haben die Tiere seit undenklicher Zeit eine Postverbindung. Bei Nasentieren ist es namentlich der Harn (Hunde, Wölfe, Ziesel usw.) oder die Exkremente (Pferde, Guanacos, Lamas, Nilgaus, Nashörner usw.) oder Tränendrüsen (Antilopen); die Postverbindung bei Hasen, Zibethkatzen, Bibern, Moschustieren usw.

Warum bellt der Mops den Mond an?
Die Gestirne üben nur auf Sehgeschöpfe grossen Einfluss aus. Die Sonnenfinsternis wie analog eine fata morgana wird von Nasentieren nicht beachtet. Ein hell leuchtender Gegenstand wie der Mond muss dem Hunde, der ihn mit seiner Nase nicht wahrnehmen kann, ebenso unangenehm sein, als wenn wir Geisterstimmen hören.

Warum scheuen Pferde?
Ein besonders interessanter Fall des Bureaukratismus bei Tieren ist das Scheuen des Pferdes. Es beruht auf folgenden 4 Gründen: weil es schwachsichtig ist, weil es ein Pflanzenfresser ist, weil sein Heil in der Flucht liegt, weil es ein Tier der Ebene ist.

Können Vögel wittern?
Die Aufzählung der Gründe, weshalb Vögel nicht wittern können. Auch bei dem Kleiber und der Amsel liegt ein Irrtum vor. Aus dem Unvermögen erklärt sich, weshalb man fremde Eier unterlegen kann.

Können Naturvölker wittern?
Die Polizeibehörden würden einen witternden Menschen, da er zur Aufspürung von Verbrechen unschätzbare Dienste leisten könnte, unzweifelhaft mit Gold aufwiegen.

Diverses
Zusammenhang zwischen Intelligenz und Abneigung gegen Brutalität. – Krankheiten als Ursachen von merkwürdigen Handlungen.

Wenn Sie nun neugierig auf dieses spannende Büchlein geworden sind, können Sie es für CHF 5.00 in unserem Onlineshop bestellen. Der Zustand des Buches ist mässig, man muss es sorgsam behandeln damit es nicht auseinanderfällt 😉

Nachtrag: 4. Juni 2013

Dies ist ein Auszug aus dem Inhaltsverzeichnis des Buches. Der Witz an der ganzen Sache ist für mich, dass der heutige Leser keine Ahnung hat was der Autor mit diesen Ausdrücken meint. Bedeutet ein schwaches Gesicht, dass diese Tiere schlechte Augen haben? Was meint der Autor mit Bureaukratismus, hat das mit Bürokratie zu tun? Das Spannende an der Arbeit mit gebrauchten Bücher ist, dass man immer wieder auf Bücher stösst, die man nicht versteht oder in denen man keinen Sinn erkennt.  Wir bei buchplanet.ch wissen, dass es viele verschiedene Geschmäcker gibt und geben darum den meisten Büchern eine Chance.

23. Mai 2013

Gedanken zur Entwicklungshilfe/-politik

by Simone Gröbli

Geschätzte Blog-Leser

Ich muss es zugeben, heute habe ich mich schwergetan ein Thema für meinen Beitrag zu finden.

Demzufolge „studieren und grübeln. Dann der Gedankenblitz, das mir letzthin beim Stöbern im buchplanet-Online Shop ein Buch über die Entwicklungshilfe aufgefallen ist. Deshalb aufgefallen weil dieses Buch keine Lobhudelei über die humanitäre Hilfe ist, sondern kritisch diese Hilfe beleuchtet. Und genau dieser Thematik habe ich mich vor zirka  zwei Jahren bei einer journalistischen Schreibprobe gewidmet. Diese Abhandlung möchte ich Ihnen, geneigte Blog-Leser, nun präsentieren

Noch ein kleine Anmerkung; Es werden in diesem Beitrag Länder und Ereignisse benennt, die nicht mehr so im Fokus des Weltgeschehens stehen mögen, deswegen sind  aber ihre Belastungen und Auseinandersetzungen jeglicher Art nicht kleiner geworden.

Ein kritischer Blick auf die Entwicklungspolitik

Die Zahl der hungernden Menschen beläuft sich zurzeit auf 925 Millionen, von denen wiederum leben 98% in Entwicklungsländern.

Ein Land mit dieser Einwohnerzahl würde als Drittgrösstes der Erde zählen. Seit der Antrittsrede von Harry S. Trumans 1949 besteht für diese 925 Millionen ein Instrument namens Entwicklungspolitik.

Wie wirksam aber ist diese Entwicklungspolitik? Wieso greifen die „staatlichen Programme, die die politische, wirtschaftliche und soziale Situation in unterentwickelten Staaten verbessern sollten“, nicht.

Dass diese Fragen mehr als nur berechtigt sind, zeigt die aktuelle Situation auf. Die Nachrichten von den rund 13 Millionen Hunger leidenden Menschen am Horn von Afrika mögen nach dem obligatorischen Entsetzensschrei vom Euro-Debakel überlagert werden, aber sie zeigen wieder einmal mehr die Problematik der fremden Hilfen auf.

Es ist ein Gebot der Menschlichkeit, Hunger und Elend zu bekämpfen. Aber diese humanitäre Hilfe hat sich, weil auch die Bedeutung der Menschenrechte wächst, zu einer weltumspannenden Ideologie entwickelt. Gerade die aktuelle Situation in Aeygpten oder Lybien zeigt die Zwiespältigkeit dieser Globalisierung auf. Völker die sich vom Joch der Diktatur befreien oder ethnische Minderheiten die sich erheben, das erzeugt weltweite Sympathien. Die Kehrseite dieser Aufbegehrungswellen bringen aber Krieg und Elend.

In den fünfziger und sechziger Jahren herrschte unter den Wirtschaftswissenschaftlern die Ansicht, mit Kapital und Investitionen lasse sich die chronische Armut bekämpfen. Das Resultat für die westlichen Länder war ernüchternd; die Schere zwischen Arm und Reich ging noch weiter auf. Diese wachsende Kluft gab den Geberstaaten mit dem Argument: Humanitäre Hilfe „arbeite“ nicht den Anlass, die weisse Fahne zu hissen.

In unserer Zeit wird zunehmend ein kurzfristiges Engagement was die politische, ökonomische und sozialpolitische Situation anbelangt favorisiert. Genauso herrscht bei der Notwendigkeit der Hilfe ein Ungleichgewicht. 1999 empfing der Kosovo fünfmal mehr Hilfsmittel als Angola und der Sudan.

Aber nicht nur die Ungleichmässigkeit bei der Verteilung der Hilfsmittel und Hilfsgüter ist ein Problemfeld. Auch deren Weiterleitung in die richtigen Kanäle ist eine Herausforderung

Fehlanwendungen, Unterschlagungen und Missbrauch der Hilfsmittel sind vermutlich unvermeidlich, aber die Grössenordung die davon betroffen ist, als blosse Nebenwirkung ab zu tun, ist blauäugig.

Nachfolgend zwei konkrete Beispiele aus der näheren Vergangenheit, die aufzeigen was „verloren gegangene Hilfsgüter“ bewirken können.

Im jugoslawischen Bürgerkrieg wurde etwa die Hälfte der Hilfsmittel veruntreut. Die Profiteure waren die entstehenden lokalen Mafiagruppen, deren Bestreben es natürlich war, den Krieg so lange wie möglich zu verlängern.

Entwicklungshilfe verstärkt die Vorherrschaft lokaler Kriegsherren. Ein Muster für diese These liefert Ruanda.

Die dortige humanitäre Hilfe baute auf lokale Kapazitäten, also auf die vorhandenen Führungsstrukturen in den Flüchtlingslagern. Die Hilfsmittel linderten eben nicht nur Hunger, Not und Elend, sondern ermöglichten auch Tätergruppen sich zu reorganisieren und neue Massaker, wie zum Beispiel den Völkermord an ungefähr 800`000 Tutsis zu starten Die meisten Hilfsorganisationen setzten trotz dieser entsetzlichen Vorkommnisse unbeirrt ihre humanitäre Arbeit in den Lagern fort. Mit einem unabhängigen Partner, der keine Unterstützung vom Staat benötigt hätte, wäre die Entwicklungshilfe in die richtigen Bahnen gelenkt wurden. Aber nicht nur die humanitäre Hilfe hätte wirkungsvoller sein können. Der kanadische General Romeo Dallaire tat 1994 folgende Aussage: „Bei einer rechtzeitigen Entsendung von UN Truppen hätten die meisten Tötungen in Ruanda verhindert werden können.“

Humanitäre Hilfe kann aber auch vereinfachen. Ob Täter oder Opfer, jeder bekommt Unterstützung, aber komplexe Gruppen werden eher stiefmütterlich behandelt. Es gibt eine einfache Formel, die lokale Bevölkerung ist schwach, hilflos und farbig, während die Retter tapfer, grosszügig und weiss sind. Für einige Kritiker ist dieses Modell der Humanität mit Rassenattitüden behaftet.

Die Entwicklungshilfe sollte vollständig eingestellt werden. Diese provokante Ansicht vertritt der kenianische Wirtschaftsexperte James Shikwati. Seine Begründung lautet: „Hilfsgelder dienen zur persönlichen Bereicherung und Sachhilfen wie Kleider- und Lebensmittelspenden würden die örtlichen Märkte zerstören“.

Eines scheint sicher: Für eine effektive Hilfe braucht es unabhängige, altruistische nichtstaatliche Organisationen. Das ist die Theorie, die Wirklichkeit zeigt immer wieder Verbindungsstränge von privaten Hilfswerken zu Regierungen. In Extremfällen werden sie Sekundanten bei militärischen Aktionen. Der ehemalige amerikanische Aussenminister Colin Powell höchstpersönlich hat das mit seiner umstrittenen Aussage: „Nichtstaatliche Organisationen seien Verstärkung für die USA“, bestätigt.

Distanzierung ist wünschenswert und auch möglich, aber auch für private Hilfswerke gilt dasselbe Prinzip wie für Menschen. Die Zuverlässigkeit als Partner und damit das einhergehende Renommee bedeutet viel.

Zum Ende geschätzt Blog Leser noch der Hinweis zum Buch, das mich veranlasst hat, den obigen Artikel hervor zu holen

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22. Mai 2013

Zufällige Bücher

by Sara Grob

Im Internet entdeckt man viele Spass-spiele, die zum Beispiel so lauten: „Nimm das Buch neben dir, schlage Seite 56 auf und schreibe den fünften Satz in deine Statusnachricht.“ Das werde ich nun mit einigen Büchern aus unserem Angebot machen. Mit einem Klick auf den Satz gelangen Sie zur Buchverkaufsseite.

Die Wintermonate hat unser Rastlbinder immer in Kriesdorf verbracht, beim Neumannbauer auf dessen Hof.

Dabei bin ich mir der Gefahr bewusst, meine Kompetenz zu überschreiten.

„Manneskraft“ definiert sich für viele über das „Wie oft“.

Manchmal, wenn Rechte für Menschen oder Tiere abgebaut werden sollten, hatte sie auch Nein gestimmt.

Sie erhob sich und setzte sich mit den Beinen über die Bettkante auf.

„Barney? Wer ist Barney?“

Er zieht über Land, misst Fenster aus -, und in dem Buch geht es darum, was er durch die Fenster sieht.

Ich fürchte mich vor einem Sturz, liegt doch meine Leistenbruchoperation nicht lange zurück.

 

 

21. Mai 2013

Eine bekannte Persönlichkeit aus der Region

by Sara Grob

Im Wikipedia-Eintrag über Flawil findet man allerhand Interessantes. Zum Beispiel wann Flawil das erste Mal urkundlich erwähnt wurde. Das war im Jahre 819 und Flawil wurde damals noch Flahinwilare genannt. Die Partnerstadt von Flawil ist Isny im Allgäu. Die Liste der Kulturgüter in Flawil enthält acht Objekte.
Der Wikipedia-Eintrag enthält drei Persönlichkeiten, die in Flawil wohnhaft sind oder wohnhaft gewesen sind. Eine Person davon ist der Bildhauer Johann Ulrich Steiger, Just, (1920 – 2008).
Steiger wurde in Appenzell geboren, zog jedoch als Fünfjähriger gemeinsam mit seinen Eltern nach Flawil. Er war noch nicht ganz zwanzig Jahre alt, als er am 1. Februar 1940 seine Bildhauerwerkstatt in Flawil eröffnete. Unmengen von Kunstobjekten erschuf Steiger während seiner Schaffenszeit, um nur einige davon zu nennen: der Brunnen auf dem Flawiler Bärenplatz, der Brunnen auf dem Appenzeller Landsgemeindeplatz, die Muse im Stadtpark beim Stadttheater St. Gallen, die Ausstattung der reformierten Kirche St. Peterzell.
Im Jahr 2005 verlieh Flawil ihm in Würdigung seiner ausserordentlichen Verdienste das Ehrenbürgerrecht.

Vor etwa einem Jahr entdeckte ich im Brockenhaus Flawil acht verschiedene Holzsschnitte. Ich kannte den Künstler nicht, die Bilder sprachen mich aber sehr an. Es handelte sich um acht verschiedene Neujahrsblätter von Just.  „Wenn ich schon in Flawil wohne und arbeite, dann brauche ich doch auch ein wenig Lokalpatriotismus in meiner Wohnung.“, mit diesem Gedanken im Kopf kaufte ich mir diese acht Neujahrsblätter. Bereut habe ich meinen Kauf noch nie, wie Sie auf dem Foto sehen können passen die Holzschnitte sehr gut in meine Wohnung.

Drei Neujahrsblätter und weitere Kunst in meiner Wohnung

Drei Neujahrsblätter und weitere Kunst in meiner Wohnung

In unserem Angebot befindet sich ein Werkkatalog von Just, der im Rahmen einer Ausstellung im Regierungsgebäude in St.Gallen herausgegeben worden ist. Den Katalog finden Sie hier.

Neujahrsblatt 1995, Kopie aus dem Buch

Neujahrsblatt 1995, Kopie aus dem Buch

Ich wünsche Ihnen einen erholsamen Abend.

16. Mai 2013

Kinderlieder

by Sara Grob

Ich habe heute drei Bücher in unseren Onlineshop gestellt, die Schweizer Kinderlieder enthalten. Natürlich wurden Kindheitserinnerungen in mir wach und seither summe ich verschiedene – längst vergessen geglaubte – Lieder vor mich.

Erinnern Sie sich zum Beispiel an dieses Lied: Alle Vögel sind schon da, alle Vögel, alle. Welch ein Singen, Musizier’n, Pfeifen, Zwitschern, Tirilier’n. Frühling will nun einmarschier’n, kommt mit Sang und Schale.

Oder mögen Sie lieber Kirschen anstatt Vögel? Chumm, mir wei ga Chrieseli gwünne, weiss ame n Ort gar grüseli vil; roti, schwarzi, gibeligälbi, zwöi bis drü an einem Stiil. Valleri, vallera, valleri, vallera, zwöio bis drü an einem Stiil.

Mit diesem Lied haben wir zu Kindergartenzeiten die Erwachsenen wohl fast zum Ausrasten gebracht, wir haben es sehr oft gesungen, noch lieber sangen wir aber die Spottversion dieses Lieds.
Dört änen am Bärgli, do stoht e wyssi Geiss, i ha so wölle mälche do haut (im Buch steht zwar „zackt“ aber für mich heisst es haut) sie mer eis. Hole duli, duli duli, hole duli duli duli duli, hole duli, duli, hole duli duli duli du.

Beim folgenden Lied habe ich früher immer „Scheiss-Gewehr“ verstanden, ich war eben schon früh eine Pazifistin 😉 Zum Glück kannte ich damals die zweite Strophe nicht, die ist nämlich ein wenig krass.
Fuch, du hast die Gans gestohlen, gib sie wieder her! Gib sie wieder her! Sonst wird dich der Jäger holen mit dem Schiessgewehr, sonst wird dich der Jäger holen mit dem Schiessgewehr.

Kennen Sie den Ausdruck „Chäferfescht“? Für mich ist ein „Chäferfescht“ wenn man es lustig hat und viel Süssigkeiten essen kann. Ich wurde aber auch schon ausgelacht als ich diesen Ausdruck verwendete. Das nachfolgende Lied kannte ich bisher aber noch nicht.
Wenn d Chinde mpend schloofe im Summer z’Nacht, so wird bi de Chäfer es Fäschli gmacht. Sum sum sum sum sum sum sum sum sum sum sum sum sum sum sum sum sum sum Chäfer flüg um.

Der Maggi-Klassiker "Chömed Chinde, mir wänd singe"

Der Maggi-Klassiker „Chömed Chinde, mir wänd singe“

Wegen dem schlechten Zustand ist dieses Buch ein richtiges Schnäppchen!

Wegen dem schlechten Zustand ist dieses Buch ein richtiges Schnäppchen!

 

Mit schönen Illustrationen!

Mit schönen Illustrationen!

 

 

Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Abend mit Kinderliedern, die Ihre Lippen glücklich umspielen.

Mit einem Klick aufs Foto gelangen Sie zur Verkaufsseite des jeweiligen Buches.

14. Mai 2013

„Die Emanze der Schweiz“

by Simone Gröbli

Geschätzte Blog-Leser,

Dank meinem Boss Sara (ist ja nicht schlecht, wenn der Chef weiss woran man gerade arbeitet) wissen sie ja das ich mich weiterhin mit Schweizer Autorinnen und Autoren befasse.

Also ich habe auch heute Dienstag mein tägliches Date mit diesen Herrschaften und dabei fällt mir ein Buch in die Finger mit dem patriotischen Titel „Heil Dir Helvetia.“ In diesem Buch geht um die Freude an der Macht; politischer Natur. Das wäre an und für sich schon ein Thema wert, aber als ich anfing mangels Inhaltsbeschrieb, den Inhalt in die buchplanet-Maske zu übertragen stiess ich auf die Überschrift „Jetzt auch die Frauen.“

In diesem Augenblick wurde mir eine Frau präsent, die man getrost als Mutter des Frauenrechts und des Feminismus in der Schweiz betiteln kann; Iris von Roten nämlich. Diese Iris von Roten hatte eine Gemeinsamkeit mit Simone Beauvoir. Genau wie die grosse Französin hat Iris von Roten in den 40er und 50er des letzten Jahrhunderts über die Unterdrückung der Frau geschrieben. Bevor ich aber darauf im Detail darauf eingehe, will ich ihnen, geschätzte Blog-Leser, diese Iris von Roten kurz vorstellen.

Iris von Roten

Hineingeboren in eine gutbürgerliche und gutsituierte Familie studierte Iris Meyer, wie damals noch hiess, an der Universität Bern und promovierte in Rechtswissenschaften. Sie heiratete den Waliser Aristokraten Peter von Roten und gebar eine Tochter. Aber nur Hausfrau und Mutter zu sein, oder wie Iris von Roten so schön formulierte. „Für die private Atmosphäre des Familienlebens ist es nicht nötig, dass die Frau und Mutter; als des Weibes natürliches Los stundenlang mit Geschirr klappert und Staub wedelt“, war für sie undenkbar.

Sie wurde also Partnerin in der Anwaltskanzlei ihres Mannes, aber öfters kam es vor, dass sie für die Sekretärin ihres Mannes gehalten wurde. Und mit diesen negativen Erfahrungen wurde Iris von Roten zur Feministin und Frauenrechtlerin der ersten Stunde in der Schweiz

Sie wurde publizistisch tätig; 1943 bis 1945 war sie Redakteurin bei der Zeitschrift „Schweizer Frauenblatt“

Und dann folgte, wie oben bereits angedeutet, die Gemeinsamkeit mit Simone Beauvoir.

Aber während Beauvoirs Buch „Das andere Geschlecht“ als philosophisches Werk Anklang fand und von den Intellektuellen Frankreichs Rückhalt bekam, wurde von Rotens Schrift regelrecht verdammt.

„Frauen im Laufgitter“ so der Titel des im Jahr 1958 erschienen Buches, zog, zitiert mit den Worten der Basler Nachrichten; “564 Seiten gegen die Männerwelt vom Leder. Politische, wirtschaftliche, berufliche und sexuelle Freiheiten für die Frau wurden gefordert. Sogar von der fraulichen Zwangsarbeit im Haushalt war die Rede, die, so Roten, wie jede Zwangsarbeit nicht bezahlt werde.

Das Buch erschien ein halbes Jahr vor der ersten Abstimmung in der Schweiz über das Frauenstimmrecht, die im Februar 1959 stattfand. Es hatte die gleiche Wirkung, wie die Axt im Wald; erst recht für die Frauen, die sich im Bund Schweizerischer Frauenvereine BSF zusammengeschlossen hatten. Ihre Mitglieder wollten mit Kompromissen und Taktgefühl, Vereinbarungen mit den wahlberechtigten Männern treffen und nicht wie von Roten, mit Konfrontation. Denn nach Meinung des BSF sollte am grundsätzlichen zeitgenössischen Bild der Hausfrau und Mutter nicht gerüttelt werden.

Es unterlag die Konfrontation; am 1.Februar 1959 wurde mit einer Zweidrittelmehrheit das Frauenstimmrecht von den Schweizer-Männern verworfen. Wer für den negativen Wahlausgang mitverantwortlich war, lag auf der Hand; Iris von Roten. Sie wurde zur meist kritisierten Person in der Schweiz der damaligen Zeit, eine „streitsüchtige Hysterikerin“ und „giftspeiende Fürsprecherin“ hiess es. So gekonnt und analytisch von Roten austeilen konnte, mit der harschen Kritik kam sie nicht klar. Erst recht nicht, als sie von den Frauenorganisationen Ächtung erfuhr. Sie zog sich aus der Öffentlichkeit zurück, genauso wie aus der Frauenthematik, und reiste, ganz im Sinne ihrer eigenen unkonventionellen Ehe, für sechs Monate alleine durch die Türkei. Aber sie wurde den Geist der Verfemten nicht mehr los. Als sie über diese Türkeireise ein Buch schrieb, fand sie vorerst kein Verlag.

Mit weiteren Reisen verbrachte von Roten die nächsten Jahre. Nahen Osten, den Maghreb, Sri Lanka und Brasilien hiessen die Stationen. Die an diesen Orten gesammelten Reiseerlebnisse hielt sie ab den 1970er nicht schreibend, sondern malend fest.

Und eben diese Malerei war schlussendlich der Grund, dass Iris von Roten den Freitod wählte. Denn neben schweren Schlafstörungen, schwand ihre Sehkraft zunehmend so stark, dass es das Malen verunmöglichte.

Genauso wie sie ein selbstbestimmtes Leben geführt hatte, bestimmte Iris von Roten ihr Ableben selber oder wie sie in einem Interview sagte. „Wie ein Gast wissen muss, wann es Zeit ist zu gehen, so sollte man sich auch rechtzeitig vom Tisch des Lebens erheben.“

Iris von Roten erhob sich am 11.September 1990 vom „Tisch des Lebens.“

3000 Exemplare wurden von „Frauen im Laufgitter 1958 gedruckt, in elf Wochen war das Buch ausverkauft, ein Nachdruck gab es aber erst 1991 wieder. Und der wurde ein grosser Erfolg und so kam Iris von Roten posthum noch zu der berechtigten und von ihr verlangten Wertschätzung.

Soweit, geschätzte Blog Leser, ein kurzer Abriss zu Iris von Rotens Leben.

Gestatten sie mir zum Abschluss den Hinweis zum Buch und zu dessen Kapitel das mich quasi zu Iris Roten geleitet hat:

 

Heil Dir Helvetia

Die Freude an der Macht

Christian Fehr (Hrsg.)

13. Mai 2013

Schweizer Autoren

by Sara Grob

Die Rubrik „Schweizer Autoren“ ist auf Platz 5 unserer Rangliste „Warenwert der verkauten Artikel nach Kategorien“. Ich mag diese Rubrik sehr gerne, denn sie enthält Klassiker wie auch moderne Werke. Mir gefällt es immer sehr gut wenn ein Buch in einer mir bekannten Gegend spielt. Simone, die Sie bereits aus einigen Blogeinträgen kennen, füllt momentan die Schweizer Autoren auf und kümmert sich um diese Rubrik. Ich empfehle Ihnen deshalb  auf www.buchplanet.ch vorbei zu surfen und die Rubrik „Schweizer Autoren“ zu durchstöbern.

Zum Beispiel finden Sie diese Bücher in der Rubrik:

 

Wikipedia führt eine schöne Liste mit Verfassern literarischer Werke aus der Schweiz. Die Liste finden Sie hier

10. Mai 2013

Schwacher Moment; Zweiter Teil

by Simone Gröbli

Geschätzte Blog Leser

Aufgrund des Titels werden sie es bereits ahnen; mein Krimi kommt wieder ins Spiel. Den ersten „Appetithappen“ haben sie ja rege angeklickt und hoffentlich nicht nur dass, sondern auch gelesen. Und um bei der Metapher zu bleibe, hoffentlich war der Abschnitt geniessbar und leicht verdaulich.

Da ich selbstverständlich von dieser Annahme ausgehe, serviere ich ihnen nun also den zweiten „Appetitanreger:“

7. Kapitel 

Das war auch meine erste Tat am nächsten Tag. Lauber hatte auf der Rückseite der Visitenkarte seine private mobile Telefonnummer hingekritzelt, mit dem deutlichen Hinweis ihn nur über diese Nummer anzuwählen. Folgsam tat ich dass auch. Er meldete sich ziemlich hektisch.

„Moment Frau v. Arnegg.“

Dann herrschte Stille. Nach ein paar Sekunden wieder Laubers Stimme.

„Ich bin gerade mit dem Auto unterwegs zur Arbeit. Darum musste ich zuerst einen Standplatz suchen.“.

„Wo wohnen sie eigentlich?“

„In Wabern. Wie war es gestern bei Eva?“

Ich gab eine Kurzfassung vom gestrigen Gespräch und erzählte ihm von meiner Betroffenheit als ich Evas Trauer erlebte. Lauber schickte einen mitfühlenden Laut durch die Verbindung.

„Und sonst was steht an?“

Ich erzählte ihm von meinen nächtlichen Gedankengängen. Diesmal gab Lauber einen Pfiff von sich.

„Sie meinen also es gibt nicht nur die Frage warum Matt an diesem Ort war, sondern auch wieso er sich wehrte.“

„Ja“.

„Es ist wirklich manchmal so, dass man vor lauter Bäume den Wald nicht sieht. Diesen Punkt hätten wir näher unter die Lupe nehmen müssen. Das ist ein Ansatz den wir unbedingt im Auge behalten sollten.“

„Wenn meinen sie mit wir?“

Meine Neugier war wieder mal unstillbar, aber schliesslich ist dass eine Grundvoraussetzung um Schnüfflerin zu werden.

„Bei der Polizei gibt es keine einsamen Wölfe von Ermittlern, Teamarbeit wird bei uns gross geschrieben.“

Wieder ging ein lieb gewonnenes Bild das vom Fernsehen herrührte baden. Als Entschädigung dafür wollte ich einen angenehmen Gesprächsabschluss mit meinem Teamermittler Lauber hinkriegen.

„Haben sie jetzt gestern im Bellevue ohne Krawatte Einlass bekommen.“

Kurzes Lachen von Lauber:

„Ich gestehe Frau v. Arnegg ich bin eingeknickt. Die Krawatte habe ich kurz vor dem Hotel um den Hals gehängt.“

Ein kurzes Lachen meinerseits beendete unser Gespräch.

Mittlerweile war es kurz vor 8 Uhr 15. Zeit also sich nach Oberhofen zu begeben.

Bis nach Thun ging es noch mit dem Verkehr, aber entlang des linken Thunerseeufers war auch um diese Morgenstunden einiges in Bewegung.

Ich will hier keine versteckte Werbung machen. Aber obwohl ich unzählige Male dass linke Seeufer befahren habe, fasziniert mich die Landschaft immer noch. Besonders heute, wo es ein strahlender Sommermorgen war. Nachdem ich Hünibach und Hilterfingen passiert hatte kam als nächster Ort mein Ziel. Oberhofen liegt, leicht versetzt, dem am anderen Ufer liegenden Spiez gegenüber. Wenn also ein Motorboot mein eigen gewesen wäre, hätte ich nur ebenmal so kurz quer über den See brettern können.

Noch ein kleiner touristischer Hinweis an die geschätzte Leserschar: nein, ich meine nicht dass Schloss Oberhofen. Wenn sie einmal Lust bekommen an die Riveria zu fahren, muss es nicht gleich die Französische und Italienische sein. Sie haben quasi eine vor der Haustür. Oberhofen wird nämlich gerne als Riveria des Thunersees genannt. Jetzt habe ich aber genug gesülzt.

Gemäss Karl Wegmüllers Wegbeschreibung musste ich auf der Staatsstrasse bis zum Cafe Hart bleiben. Dort dann links einspuren um in den Riederweg zu gelangen. Er ging rechts schräg weg und war eine Sackgasse. An dessen Ende war das Wohndomizil von Christoph Matt. Ein Wohnhaus mit vier Wohnungen verteilt auf zwei Etagen. Matt wohnte im 2. Stock und aus meiner Warte gesehen rechts, wie ich nach meinem Treppenhausaufstieg feststellte. Ich nahm den Schlüssel aus der vorderen Rucksacktasche und schloss auf. Ich hoffte nur, dass sein Nachbar das nicht auf irgendeine Weise mitbekam und das Gefühl hatte er müsse der Sache nachgehen. Seine Fragen zu beantworten wären nicht so einfach gewesen. Da dass Haus parallel zum Riederweg stand hatte man einen wunderbaren Ausblick auf See und die dahinter liegenden Niessen.

Nach dem Eintritt stand ich in einem kurzen Flur mit Parkettboden. Der zog sich durch die ganze Wohnung. Seine Luxusausführung konnte er voll entfalten, da keine Teppichläufer vorhanden waren. Zu rechter Hand befand sich das Badezimmer. Ich brauchte vier Schritte um das Ende des Korridors zu erreichen. Vor mir lag jetzt der einiges an Quadratmeter aufweisender Wohnraum. Rechts um die Ecke ging es in die Küche. Zu meiner linken Seite gab es eine Glastür die auf einen Balkon führte, bei dem dank seiner Länge, die der des Wohnzimmers entsprach locker zehn Personen Platz gehabt hätten. An die Balkontür anschliessend folgte eine Fensterfront. Ein beiges Sofa mit einem Glastisch belegt mit Zeitschriften und zwei gegenüberliegende Sessel befanden sich, mit einem gewissen Abstand versehen, davor. Die Glasfront endete am Beginn der Wohnzimmerrückwand bei der als erstes eine Tür folgte, dann ein Sideboard und nochmals eine Tür. Die rechte Seite, also die, die sich gegenüber der Fensterfront befand. wies ein spezielles Gestell auf. Darauf standen ein Fernseher, dessen abgedeckter Bildschirm Richtung Sofa schaute und eine Stereoanlage, dessen Lautsprecher, die wie Orgelpfeifen aussahen, auf der gleichen Seite in den Ecken platziert waren. Alle Geräte stammten, wie ich mit Kennerblick feststellte, von einer bekannten dänischen Edelschmiede. (Den Kennerblick deshalb, weil ich ebenfalls im Besitz einer Anlage der gleichen Marke inklusive denselben hier vorhandenen Lautsprecher war und das war mein ganzer Stolz).

Als nächstes folgte ein Büchergestell, das neben Lesestoff auch eine CD-Sammlung beinhaltete. Als Abschluss folgte ein leicht in den Raum gesetzter runder Glas-Esstisch. Der wurde von vier Stühlen umringt. Der mir am nächsten stehender Stuhl war mit seiner Lehne mit dem vorderen Küchentürrahmen genau bündig. Neben dem hinteren Türrahmen befand sich eine mit einer geschlossenen Schiebetüre versehende Küchendurchreiche.

Ein Zuhause dass dem Attribut Traumwohnung gerecht wurde. Aber ohne dem armen Christop Matt Unrecht anzutun, egal ob Freischaffender, Festangestellter oder einigermassen bekannter Journalist, so ein Zuhause hätte er sich nie leisten können. Und es war nicht nur die Wohnung, auch die Einrichtungsgegenstände sprachen eher für Interieurgeschäft als für Möbelkaufhaus. Eva musste ihn also auf finanzieller Weise kräftig unter die Arme gegriffen haben.

Nach diesem Rundblick war es angebracht loszulegen. Als erstes wollte ich sehen was die Tür zu meiner linken Seite verbarg. Ich setzte mich gerade in Bewegung als jemand anfing einen Schlüssel in die Wohnungstür zu stecken. Also doch der neugierige Nachbar. Wenn es mich auch in diesem Augenblick störte, es freute mich trotzdem irgendwie, dass es hier anscheinend noch kein anonymes Wohnen gab.

Ich ging die paar Schritte die ich bereits zur besagten Tür gemacht hatte zurück legte mein Rucksack auf den Boden und stellte mich, mit dem Gesicht zur Haustür am Ende des Flurs auf. Ich hatte meinen ausgeliehenen Schlüssel von innen her ins Schloss gestossen, aber nicht umgedreht. Man konnte also von aussen den Schlüssel nicht drehen, aber dass war auch nicht nötig, denn die Tür hatte ich nicht abgeschlossen. Zu dieser Erkenntnis gelangte auch die einlassbegehrende Person. Die Türfalle senkte sich nach unten, die Tür schwang nach innen auf und Eva kam in mein Blickfeld.

 

8. Kapitel

Unwillkürlich atmete ich auf.

Wir begrüssten uns auf der Distanz Fluranfang und Ende, dann überbrückte Eva die Entfernung und wir umarmten uns rasch. Ich nahm ihr Eau de Toilette war, dezent herb, was genau meinem Geschmack entsprach. Auch sonst strömte Eva Klasse und Eleganz aus. Sie trug ein maßgeschneidertes graues Kostüm und schwarze Schuhe Über der rechten Schulter hing eine schwarze Umhängetasche. An ihrem linken Ärmel befand sich ein Trauerflor, ich hatte gar nicht gewusst, dass man heutzutage noch so etwas trug. Das Haar war wie gestern zu einem Pferdeschwanz gebunden. Ihr ebenmässiges Gesicht wurde durch ein dezentes Make-up betont. Die Business-Frau schlechthin. Wenn nicht die Trauerbinde gewesen wäre, man hätte meinen können Eva wäre direkt der Vogue entsprungen.

Ich machte ihr ein ehrliches Komplement:

„Du siehst toll aus. Wenn du in unserem Dorf so herumlaufen würdest, würdest du die uneingeschränkte Aufmerksamkeit haben.“

„Hör auf Süssholz zu raspeln Lea, in der Freizeit habe ich auch meine Jeans, wohlgemerkt keine „Designer“, an.“

Ich war nicht nur erstaunt, sondern empfand für Eva Hochachtung weil sie heute anscheinend arbeiten wollte. Dass sagte ich ihr auch. Eva wischte kurz mit der Hand durch die Luft und antwortete:

„Zu Hause fällt mir die Decke auf den Kopf und ich kann meine Assistentin Maria nicht weiter allein strampeln lassen.“

Wir standen immer noch am Ende des Flures.

„Setzen wir uns doch auf Sofa.“

Eva war einverstanden. Jeder von uns nahm an einem Couchende Platz. Eva legte ihre Tasche in die Mitte. Ich hoffte, dass das keine symbolische Barriere zwischen uns war.

„Eva, woher wusstest du dass ich hier bin.“

„Gewusst habe ich es eigentlich nicht, Ich habe Onkel Willi heute Morgen wegen der Trauerfeier angerufen. Auf seine Nachfrage bestätigte ich ihm, dass du den Schlüssel hast. Da war er der Meinung dass du sicher heute Vormittag hier hinkommst. Nicht dass du meinst dass ich dir nachspioniere. Ich habe dir gestern vergessen mitzuteilen, dass Christoph einen Wohnungssafe hat. Ich hätte dir die Öffnungskombination auch telefonisch mitteilen können. Aber da ich sowieso ins Büro wollte, dachte ich mir, es wäre irgendwie persönlicher wenn ich sie dir vorbei bringe.“

Eine kurze Pause trat ein. Mit belegter Stimme fuhr Eva weiter:

„Damit hatte ich auch einen Vorwand, mich den Erinnerungen zustellen.“

Ich begriff vollkommen. Wie viele glückliche Stunden hatte sie hier mit Christoph verbracht.

Es war angebracht einen Themenwechsel zu vollziehen.

„Was hast du genau für eine Firma?“

„Ich nehme Models unter meine Fittiche. Wenn irgendeine Boutique oder Modehaus einen Event plant, damit meine ich vor allem Modeschauen, dann kann man sie engagieren. Da ich in den letzten Jahren vor allem im Ausland einen Bekanntheitsgrad erlangt habe, bin ich, was den Erfolg meiner Agentur anbelangt, zuversichtlich.“

Ich wollte Eva nicht noch mehr in ihre Trauer verstricken, aber das was sie eben gesagt hatte tönte mehr nach Fortsetzung der Karriere auf anderer Ebene, anstatt nach Kinder und Küche. Mit Ende Dreissig konnte man bekannterweise, dass Kinderkriegen zumindest nicht mehr allzu weit hinausschieben.

Als ich ihr dass sorgsam auseinander setzte, schaute Eva mich so an, als überlege sie sich ob sie mir trauen könne und sagte tonlos:

„Wir hätten keine Familie gründen können. Dass Problem lag bei Christoph.“

„Dann hättet ihr auch nicht heiraten müssen.“

Kaum war mir der Satz herausgerutscht, schimpfte ich mich einen Idioten.

Etwas Unsinnigeres konnte man nicht von sich geben. Dass war schon fast taktlos hoch drei.

Eva, die bis jetzt mit kerzengeraden Rücken dagesessen hatte, liess sich nach hinten fallen und schlug ihre langen Beine übereinander. Das war die einzige Reaktion, wenn es überhaupt eine gewesen war.

„Es mag blöd tönen, es wäre die Abrundung unserer Liebe gewesen.“

Nach dieser Aussage griff Eva in ihre Handtasche und zog ein Papiertaschentuch hervor. Sie tupfte ihre Nase damit ab und behielt es dann in ihrer linken Hand.

Statt weiter in schmerzvollen Erinnerungen von anderen herum zu wühlen, war es aus meiner Sicht gescheiter, mit der Produktivität an zu fangen.

Ich deutete auf die Türe die sich links von uns befand. „Was ist hinter dieser Tür?“

„Christophs Arbeitszimmer und die rechte führt ins Schlafzimmer.“

„Die Polizei hat ja die Räume durchsucht.“

„Stimmt, aber so wie ich Onkel Willi verstanden habe, nur oberflächlich. Christophs Laptop haben sie mitgenommen und kurz einen Blick in den Tresor geworfen. Bei einem anscheinend klaren Tathergang wird die Wohnung des Opfers nicht mehr auseinander genommen.“

Eva fasste mit ihrer freien rechten Hand wieder in ihre Tasche. Diesmal kamen Zigaretten und goldenes Feuerzeug zum Vorschein, die sie neben sich ablegte Dann wanderte ihre Hand in die rechte Kostümtasche und beförderten einen gelben Post-it Kleber ans Tageslicht.

„Dass ist die Safekombination.“

Danach fasste sie ihre Raucherutensilien zusammen und erhob sich.

„Wenn du mich brauchst, ich bin auf dem Balkon.“

Ich stand ebenfalls auf. „Du rauchst?“.

„Eigentlich habe ich schon längstens aufgehört, aber seit Christophs…, ich meine seit letztem Freitag habe ich wieder angefangen.“

Eva verschwand, begleitet von meinem nachdenklichen Blick auf den Balkon. Wie ihr letzter Satz bewies, war sie noch nicht fähig die zwei Wörter „Christophs Tod“ zu benützen. Vermutlich erst wenn sie dass „Warum“ begreifen konnte, war sie bereit dass zu tun. Dass ein höchst wahrscheinliches „Wieso“ dazukam, wollte ich ihr so lange wie möglich vorenthalten.

Ich ging ins Arbeitszimmer.

 

9. Kapitel

Matts Arbeitszimmer war ein quadratischer Raum. Was mir hier auffiel war, dass es wie im Wohnraum, keine Bilder an den Wänden gab. Anscheinend hielt Christoph nicht viel von Kunst jeglicher Art.

Als erstes nahm ich sozusagen wieder die Witterung des Inhalts des Zimmers auf. Auf der linken Seite gab es zwei Fenster mit der schon erwähnten Postkartenausicht. Zwischen diesen Fenstern lag eine Wand, vor der leicht abgerückt, ein Schreibtisch mit einem davor stehendem einfachen Bürostuhl stand. An der folgenden rückwärtigen Wand befand sich, fast die gesamte Länge der Mauer einnehmend ein Holzschrank. Zu meiner rechten Seite befand sich einfaches Holzgestell.

Ich fing mit der Materialdurchsicht beim Schreibtisch an. Das Ding sah so aus, als hätte Matt ihn aus dem Sperrmüll befreit. Verglichen mit der Wohnstubeneinrichtung war er fast schon eine Beleidigung. Dazu konnte man auch den Bürostuhl zählen; dass Polster verschliessen und durchgesessen.

Als erstes kamen die Schubladen, die sich links vor mir befanden, an die Reihe. Vier an der Zahl waren es und in keinem von denen gab es etwas Geheimnisvolles zu entdecken. Druckerpapier, Schreib- und Post-it-Blöcke, Bleistifte, Kugelschreiber und eine Reservedruckerpatrone war die ganze Ausbeute. Am äusseren rechten Rand der Schreibtischplatte befand sich ein Kombidrucker. Auf der anderen Seite befanden sich eine Halogenlampe und ein Bild von Eva. Ich nahm es in die Hand. Es war eine Aufnahme aus dem Leben und da konnte man schon sehen wie fotogen sie war. Wie es schien, war dieses Bild irgendwo in den Bergen geschossen worden. Eva hockte im Schneidersitz auf einem Felsbrocken der in einer Alpweide lag. Aus ihren Augen sprühte wie kleine Teufel die Lebensfreude. Einen grösseren Kontrast gab es nicht. Dieselbe Frau war jetzt wenige Meter vor mir auf dem Balkon und kämpfte mit dem Verstehen wieso nichts mehr so war, wie es sein sollte.

Mit einem Seufzen stellte ich die Fotographie auf die Schreibplatte zurück und machte weiter. Die Inspektion des Gestelles ergab auch nichts Erhellendes. Fachbücher, Zeitungs- und Zeitschriftenartikel türmten sich auf die aus drei Unterteilungen bestehende Ablage. Jetzt blieb also nur noch der Wandschrank übrig. Er war zweitürig, mehr flach als hoch und ging Richtung Ikea. Design in der Stube und Ikea und Sperrmüll im Arbeitszimmer war auch eine interessante Mischung.

Wie erwartet befand sich im Schrankinnern und zwar rechts auf einer Ablage der Safe. Links befanden sich drei Tablare mit Ordner voller Rechnungsbelegen gekennzeichnet mit der entsprechenden Jahreszahl. Der Safe war so ein Ding wie man sie in jedem Bürofachgeschäft erstehen konnte. Er war an die Schrankrückwand angeschraubt. An der Vorderseite befand sich eine Zahlentastatur. Ich tippte anhand von Evas Zettel die Kombination ein. Mit einem leisen Klicken gab der Safe sein Innenleben preis. Und da registrierte ich erst, dass die Zahlenfolge dem Datum des übernächsten Samstags entsprach, also dem Tag von Eva Wegmüllers und Christoph Matts Hochzeit.

Der Safe wurde nicht durch eine Ablage geteilt. Am Boden befand sich rechts ein Lederbeutel mit, wie ich mittels einem Blick feststellen, drei Goldmützen. Links gab es eine Papierbeige. Die nahm ich in die Hand. Es waren Aktienpapiere. Ich hielt dass Bündel an der Seite fest und blätterte sie durch. Und fast hätte ich sie übersehen. Nämlich die letzten zwei Seiten. Das besondere an denen war, dass sie eben nichts Besonderes waren. Es waren zwei Internetausdrucke. Die eine Seite war ein Kurzbeschrieb über das Hilfswerk „Regenbogen“, die andere ein Porträt über dessen Gründer Alt – Nationalrat Alfred Wittmann. Den Name hatte ich schon einmal gehört, genau gestern, dass war unter anderem der Präsident des Schweizerischen Gastroclubs. Dieser Wittmann hatte bei Christoph Matt eine Jubiläumsschrift in Auftrag gegeben. Das war natürlich keine Erklärung wieso diese Ausdrucke sich in Matts Safe befanden. Wieso sollte man Papiere, die jedermann mit einem Internetzugangfähigen PC ausdrucken konnte einschliessen? Mein Fragenkatalog wurde durch ein zweites „Wieso“ erweitert.

Es wurde Zeit Eva in die Gegenwart zu holen. Die Aktienpapiere wanderten in den Safe zurück. Ich schloss ihn mit dem an der Tür befindlichen Drehknopf zu. Die Ausdrucke in der Hand kehrte ich in das Wohnzimmer zurück, öffnete kurz die Tür auf der andere Seite des Sideboards Es war wie Eva schon erwähnt hatte, dass Schlafzimmer, als dessen Mittelpunkt dass französische Bett herrschte. Da hatte ich nichts verloren. Kurzer Blick auf das mit allerwelts Literatur versehene Büchergestell inklusive CD Sammlung; die sich vor allem aus Swing und Pop zusammenstellte.

Ich schlenderte in Richtung Balkontüre, stellte mich in den Rahmen der Glastüre und beobachtete wie Eva, die an einen roten  Gartentisch lehnte, ohne etwas vermutlich wirklich wahrzunehmen, zum Niesen schaute. Mit gedämpfter Stimme rief ich sie beim Namen. Sie zuckte unmerklich zusammen.

„Entschuldige, ich war in Gedanken.“

Entschuldigen musste sie sich sowieso nicht und dass ihre Gedanken mehrheitlich vergangenheitsgerichtet waren, war nur zu verständlich.

Ich stellte mich ebenfalls an die Tischkante und zeigte ihr mein Fund. Erklärte dann was ich nicht begreifen konnte. Eva begutachtete sie.

„Ist mir auch nicht verständlich wieso Christoph diese Papiere im Tresor aufbewahrte“.

„Kennst du dieses Hilfswerk?“

Eva nickte.

„Sollte allgemein bekannt sein, vor allem seit der Tsunami-Hilfe.“

Sie hatte Recht.

„So.“

Eva stiess sich von der Kante ab. Ich dachte, sie wolle damit andeuten, dass es Zeit für sie sei zu gehen. Dementsprechend war ich überrascht, als sie sich kerzengerade vor mich hinstellte.

 

10. Kapitel

„Du weißt jetzt einiges von mir Lea v. Arnegg, jetzt will ich einiges von dir wissen.“ Ich blieb in meiner halbsitzenden Haltung und hob die Hände in die Höhe als wollte ich mich ergeben.

„Ich gestehe alles.“

Und Eva begann wirklich, als würde sie ein Verhör führen.

„Ich rekapituliere: Vier Semester Jura und dann Abbruch. „Wieso?“

„War mir zu theoretisch und als mir bewusst wurde, dass ich Schuldige verteidigen sollte und dazu ihre möglichen schwersten Vergehen quasi bagatellisieren sollte, mit dem Ziel die geringste mögliche Strafe für den Klienten herausholen, da wusste ich, dass das nicht meine Baustelle sein kann. Und zum Beispiel in eine juristische Abteilung einer Firma einzutreten, ging nicht nur gegen meinen Freiheitsdrang, sondern dieses Rechtsgebiet interessierte mich nie.“

„Aha.“

Eva machte eine kurze Pause um sich eine Zigarette aus dem jetzt neben mir liegenden Päckchen heraus zu fischen. Überlegte es sich und liess den Glimmstengel, in dem sie ihn zurücktat, „am Leben.“

„Und dann erwachtest du eines Morgen, sagtest zu dir ich werde Privatdetektivin und warst es von diesem Zeitpunkt an.“

Ich lachte laut auf.
„So einfach geht dass nicht. Es gibt Kurse, die kosten ein Heidengeld aber dafür kriegst du nichts Seriöses. Ich habe die Ausbildung über die Zentralstelle für die Ausbildung im Detektivgewerbe gemacht. Deren Sitz ist in Braunschweig. Ich musste eine zweijährige Theorielehre auch mittels Fernunterricht und eine Rechtskundeprüfung über mich ergehen lassen. Anschliessend absolvierte ich noch einen gleichlangen praktischen Teil in einem Detektivbüro in Zürich. Das ist auch der Weg der vom Fachverband schweizerische Privat-Detektive empfohlen wird.“

Eva war vom Gehörten ehrlich beeindruckt.

„Ihr habt also ein Fachverband?“

„Nicht nur dass, sondern auch ein Ehrenkodex.“

„Wer kann dich engagieren?“

„ Privatpersonen, Versicherungen Banken und Industrien“.

„Aber dein Beruf ist nicht anerkannt?“

„Genauso wenig wie deiner“ gab ich mit freundlichem Spott zurück.

Mit einem Blick auf ihre etliche Tausend Franken Uhr sagte Eva:

„Verflixt, es ist halb zehn, ich sollte längstens im Büro sein.“

Wir beiden gingen in dass Wohnzimmer zurück. Eva nahm ihre Handtasche vom Sofa und stopfte ihre Rauchersachen hinein. Ich wiederum packte die ominösen Papiere von Christophs Safe in mein, immer noch im Flur liegenden Rucksack ein. Gemeinsam verliessen wir die Wohnung und dass Haus. Neben der Eingangstür waren die Briefkästen angebracht. Eva nahm den angesammelten Stapel von Briefen und Zeitungen aus Christophs Kasten.

„Ich sortiere dass im Büro.“

Ich schaute zum Haus zurück. Ich fand es schmucklos; nichts weiter als ein grauer Betonklotz. Aber vielleicht war es bei Häusern ähnlich wie bei den Menschen. Nicht aufs Äussere kam es an, sondern dass Innere zählte.

Mein Wagen hatte ich vor dem Plattenweg der zum Hauseingang führte parkiert. Ich musste mich zweimal um schauen bis ich Evas Auto sah. Neben dem Haus stand eine mächtige Tanne, in dessen Schatten hatte sie ihn abgestellt. Es war genau dieses schnuckelige silbergraue Auto das mir gestern bei Wegmüllers aufgefallen war. Eva bemerkte meinen bewundernden Blick.

„Es ist ein Aston Martin Vanquish“.

Es war erstaunlich was man mit einem gutem Aussehen und sich in Pose werfen alles sich leisten konnte. (Bitte jetzt keine Empörungen meine Leserinnen, ich gebe es zu, es ist ein Knochenjob und den Olymp zu erreichen, ist mindestens genau so hart wie Manager zu werden).

Die Scheibe auf der Beifahrertür war heruntergelassen. Der Grund wurde gleich sichtbar. Zuerst tauchten Vorderpfoten auf und dann ein weisser Wuschelkopf. Alice war also auch da. Ich zeigte auf sie und sagte:

“Die ist dass pure Gegenteil von meinem unnahbaren Stanislaus.“

Ich erzählte Eva von meinem Kater.

„Dein Mitbewohner hat dass, was du immer verleugnest.“

Ich sah Eva völlig konsterniert an.

„Was meinst du damit?“

„Standesbewusstsein Lea.“

Eva gab mir einen Wangenkuss. Ein kurzes Salü und dann eilte sie zu ihrem Auto wo sie von Alice begeistert empfangen wurde. Ein kurzes Motoraufheulen und weg war sie.

Ich gebe es zu. Ja mir fehlte dass, was man Standesbewusstsein nennt. Nur weil ich von einem alten Berner Patriziergeschlecht aus dem 17.Jahrhundert abstamme bin ich kein anderer Mensch. Für meine Tante Gerda waren diese Standesunterschiede nach wie vor wichtig. Das ging soweit, dass nach wie vor in ihrem Freundeskreis nur französisch gesprochen wurde, obwohl alle perfekt Berndeutsch verstehen und sprechen konnten. Ich hatte, seit sie sich vor 3 Jahren bei meinen Eltern einquartiert hatte, immer die Befürchtung sie wolle dass auch noch in unserer Familie einführen.

 

10. Kapitel

Ich setzte sich mich in meinen Theo und überlegte meinen nächsten Schritt. Der sah so aus, dass ich genauere Auskünfte über dieses Hilfswerk Regenbogen brauchte. Und da konnte mir David Schwander helfen. Bei David und mir hatte es mal gefunkt. Es entstand aber daraus kein Liebesgewitter, sondern nur ein kurzes Wetterleuchten. Aber trotzdem können wir eine Freundschaft pflegen. David war, gleich wie Christoph Matt, freischaffender Journalist.
Ich holte mein Handy aus dem Handschuhfach und stellte die Verbindung her. Nach siebenmal klingeln wollte ich gerade den Knopf drücken, als sich, wie es schien nicht ein allzu munterer David meldete.
„Hallo Lea.“
Ich wollte gerade loslegen, da ertönte plötzlich Davids Stimme, bedingt dass er den Kopf auf eine Seite drehte, sehr gedämpft.
„Lass mich, du siehst dass ich telefoniere. Geh ins Bad!“
Es gab einen Frauenqietscher und dann herrschte Ruhe. Ich hörte richtiggehend fasziniert zu.
„Bist du noch da Lea?“
„Ja, ist dass deine neue Spielgefährtin?“
„So ist es, wir müssen uns noch aneinander gewöhnen.“
Ich wollte dass Thema nicht vertiefen, es ging mich schliesslich auch nichts an.
„Hast du irgendwo noch eine Zeitlücke, die ich buchen kann?“
Für einen Moment tönte nur Stille an mein Ohr. David ging im Geiste seine Verpflichtungen durch.
„Kommt darauf was es ist.“
„Informationen über dass Hilfswerk „Regenbogen.“
„Die kannst du über das Internet beziehen Lea.“
„Dass weiss ich auch, es geht mir mehr darum was die Volkesstimme über diesen „Regenbogen“ sagt. Gibt es Gerüchte oder Spekulationen irgendwelcher Art. So etwas in der Richtung. Da bist du näher an der Quelle als ich.“
David war wieder am überlegen. Nach einer Weile sagte er:
“Verstehe, ich muss heute Abend an eine Vernissage, die hier in Bern stattfindet. (Zur Information David wohnte in Zollikofen). Ich muss für unsere staatstragende Zeitung (Er meinte damit „Den Bund“) über diesen Anlass schreiben. Da könnte ich mich umhören.“
Zum Dank wollte ich ihn ein bisschen foppen.
„Ich wusste gar nicht dass du dich in die Niederungen des Journalismus begibst.“
„Man kann nicht nur von Liebe und Luft leben Lea, das müsstest du auch wissen. Ich nehme an, du musst zwischendurch auch hartes Brot essen.“
David hatte Recht. Bevor ich ihm dass sagen konnte ertönte auf seiner Seite ein Knall.
„Lebst du noch David?“
Mit Gleichmut antwortete er:
„Sonja ist aus dem Bad gekommen. Sie hat gesehen dass ich noch am telefonieren bin, deshalb hat sie die Petflasche vom Nachttisch genommen und nach mir geworfen Hat aber nur die Wand getroffen. Sie ist glaube ich in die Küche verschwunden.“
„In diesem Fall ist es besser wenn wir Schluss machen. Sonst kommt sie mit einer Pfanne zurück.“
„Ich danke dir für deine Fürsorge Lea, ich melde mich morgen.“
„Viel Spass bei der Zähmung deiner Wildkatze.“
Natürlich hätte ich ihn einige Fragen über Christoph Matt stellen können, er kannte ihn bestimmt. Frei arbeitende Journalisten pflegten untereinander immer irgendwelche Beziehungspunkte. Nach meiner Ansicht wäre er aber sehr hellhörig geworden, da hätte ihn auch sein heisser Feger nicht ablenken können.
Denn er war absolut topp in seinem Beruf, dafür aber in seinem Privatleben ein ebenso absoluter Chaot. Dass war auch der Hinderungsgrund gewesen, dass es bei uns nur zu einem Funkenregen gereicht hatte.