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Der schwache Moment, oder wie ein Krimi entsteht

von Simone Gröbli

Jeder von uns hat irgendwann irgendwelche schwache Momente im Leben. Solch einen schwachen Moment hatte ich im Sommer 2005. Erwarten sie aber jetzt nicht, geneigte Blog-Leser, eine grosse Lebensoffenbarung von mir. Nein, es ist eine Nummer kleiner; in diesem ominösen Sommer 2005 habe ich nämlich den Gedankenblitz gehabt nicht nur zu lesen, sondern auch zu schreiben. Aus dieser „Erleuchtung“ entstand innerhalb von 3 Monaten ein Krimi Manuskript von etwa 240 Seiten. Daraus möchte ich ihnen, geschätzte Leser die ersten Kapitel präsentieren.

Damit sie trotz Werksausschnitte, einen gwissen Geschichtezusammenhang herstellen können, zuerst einen kurzen Abriss um was bei der Handlung geht.
Eine Privatdetektive die für einen Scheidungsanwalt arbeitet, erhält den Auftrag den Hintergrund einen an für sich klaren Todesfall aufzuklären. Auftraggeberin ist eine Schulfreundin die mit dem Toten verlobt war und die ein bekanntes Fotomodel geworden ist. Aber auch deren Patenonkel, der wiederum Ermittler bei der Berner Polizei, hat Interesse das gewisse Unklarheiten geklärt werden Und mit diesen Hauptfiguren kommt eine Geschichte ins Rollen, die sich nach und nach als eine Untat entpuppt.

Hier also, geschätzte Leser die Kapitel; scheuen sie sich ja nicht, nach der Leserei ihre Kommentare und Bemerkungen „abzufeuer“!

2. Kapitel
Es war also ein wunderschöner Junitag als die Geschichte ins Rollen kam. Und zwar ein Montag und gleichzeitig mein erster von fünf Ferientagen. Ich war bereits seit 7 Uhr auf den Beinen und hatte mich zum grossen Schrecken von Stanislaus, dem seine Morgenruhe sehr wichtig war, voller Elan in die Hausarbeit gestürzt. Meine liebe Tante Gerda vertrat felsenfest die Meinung, dass sei der einzige Mann der jemals meine Türschwelle übertreten durfte; ich lasse ihr ihren Glauben. Natürlich muss ich jetzt noch hinzufügen, dass Stanislaus ein Kater der Sorte Karthäuser oder Chartreux, wie sie auch genannt werden, war. Uncharmant wurden sie oft auch als Kartoffel auf Streichhölzer bezeichnet, weil sie einen stämmigen Körperbau besitzen und dazu kurze und muskulöse Beine haben. Aber ich vermute, wie so bei vielen Dingen, dass Stanislaus über dem stand. Am besten gefielen mir sein Fell, das graublau war und seine wunderbaren gelben Augen. Ich bezeichnete unsere Gemeinschaft als ein gepflegtes Nebeneinanderherwohnen, denn meine Anwesenheit wurde von Stanislaus nur dann registriert, wenn Fress-, Spiel- oder Streichelzeit war. Da das Haus zweistöckig war, konnte jeder von uns eine Etage als sein Revier bezeichnen. Stanislaus war bezeichnenderweise im oberen Teil, dort wo der frühere Heuboden zu einer Galerie umgebaut worden war. Da befand sich links das Badezimmer, in der Mitte das Schlafzimmer und rechts das als Bibliothek umfunktionierte Gästezimmer. Somit war ich also nach unten verbannt, da wo die Küche und getrennt durch den Korridor, das Wohnzimmer sich befand.

Ich hatte also an diesem Montagmorgen meine hausfraulichen Talente eine Stunde lang sich austoben lassen und sass nun am Küchentisch und genoss meinen geliebten Kaffee. Und in diese morgendliche Idylle meldete sich nun mein Telefon. Im nachherigen Wissen, was das alles auslöste, tönte das Klingeln wie eine imaginäre Alarmglocke. Ich jedenfalls erhob mich mit einem mitleidsvollen Seufzen vom Stuhl, denn eigentlich war der einzige Kandidat für ein Telefonat um diese Zeit nur mein Vater. Anscheinend herrschte irgendwo in der Alpenruh „Land unter“ und die entsprechende Rettungszentrale konnte nur die Tochter des Hauses sein. Ich hatte demzufolge alles andere als eilig über den Flur in das schräg gegenüberliegende Wohnzimmer zugelangen. Das Telefon stand neben dem linken Türrahmen auf einem Beistelltisch und verrichtete weiterhin unverdrossen seinen Klingeldienst. Als ich den Hörer endlich am Ohr hatte, meldete ich mich nicht mit Namen, sondern mit einem, ich gebe zu, unwilligen „Ja“.
„Kannst du dich nicht wie alle anderen Leute am Telefon melden?“
Oh Schreck lass nach! Nichts von Vater am anderen Ende, sondern Philipp Taler. Nur diese Tatsache änderte nichts Wesentliches an meinem Gemütszustand, wenn ein Chef dich in den Ferien anruft, kommt selten etwas Gutes dabei heraus. Ohne auf seine Frage weiters einzugehen fragte ich patzig:
„Was gibt es? Hast du bereits berufliche Sehnsucht nach mir“.
Nun war Philipp an der Reihe nicht auf meine Fragerei einzugehen. Er kam direkt zu seinem Anliegen.
„Kannst du ins Büro kommen?“
Diese Frage wirkte sehr höflich gestellt, aber nach meiner Ansicht ein bisschen zu höflich.
„Ist das so eine Art Befehlsbitte“ gab ich zurück.
Ein einfaches „Ja“ kam vom anderen Ende der Leitung. Bevor ich darauf näher eingehen konnte fuhr Philipp fort:
„Frag jetzt nicht nach dem Grund, dazu ist die Sache, sagen wir einmal, zu komplex. Also 12 Uhr in der Kanzlei“.
Nach dieser Ansage war ich so perplex, das ich zu keinerlei Nachbohrerei mehr fähig war und mich genauso garstig von Taler verabschiedete wie ich mich am Anfang unseres Telefonats gemeldet hatte. Erstaunlich genug war schon, dass er mich fast ins Büro zitierte, aber der absolute Knaller war die Uhrzeit. Zwölf Uhr mittags; da ging Philipp in die Mittagspause, und die war ihm so heilig, wie dem Engländer sein Fünf Uhr Tee. Dieses Heiligtum dauerte bis 14 Uhr und in diesem Zeitraum war er, außer für seine Frau Paula, für niemanden erreichbar.
Der Boss hatte gesprochen und somit setzte ich um 11 Uhr brav meinen grauen Opel Omega in Gang um nach Bern zu eilen. Sie müssen jetzt nicht denken ich stehe auf Grau, weil ich neben einer grauen Katze auch ein graues Auto besitze, aber je unauffälliger nicht nur das Auto war, sondern auch die Farbe, desto höher war die Chance bei einer Personenbeschattung nicht aufzufliegen. Glauben sie mir, ich wäre auch lieber im Besitz eines flaschengrünen Jaguar „E“ Jahrgang 1961! (Fuhr nicht Jerry Cotton eine solche Karosse in Rot?)
Natürlich hatte ich in den vergangenen Stunden meine Gehirnzellen ins Rotieren gebracht. Eine komplexe Sache, das konnte alles Mögliche bedeuten! Das aberwitzigste was ich bei dieser Gehirnakrobatik zustande brachte, war, dass einer unserer Bundesräte beschlossen hatte sich scheiden zu lassen und als Anwalt Philipp Taler auserkoren hatte. Ich wiederum sollte die Noch-Ehefrau beschatten und sie nach Möglichkeit in flagranti mit ihrem Liebhaber erwischen!

3. Kapitel
Philipps Kanzlei war nicht etwa in der Berner Altstadt, was dank seiner Reputation durchaus denkbar war. Nein, er residierte nicht umweit vom Hauptbahnhof in der Speichergasse und zwar genau gegenüber dem Betreibungsamt Bern-Mitteland. Ich parkte mein Theo, sie sehen auch meinem Auto habe ich einen Namen gegeben, im Bahnhof Parkhaus. Beim Marsch zu Talers Kanzlei kam ich mir immer mehr wie eine Wanderin in der Sahara vor. Es war schlicht und einfach eine Affenhitze. Es war also kein Wunder, dass bis zur Haustür, die zu Philippes Büro führte, bei mir auf der Stirn Schweisstropfen perlten.
Neben der Eingangstür prangte dass goldmetallene Schild mit Namen, Funktion und Stockwerksangabe meines Brötchengebers. An diesem steingrauen Haus erzielte diese Art von Tafel einen ungeheuren Eindruck. Sie strahlte Seriosität und Diskretion aus, zwei unabdingbare Attribute, besonders für einen Scheidungsanwalt.
Im Hausflur herrschte wie immer ein diffuses Licht, für meine Augen war das ein hammerartiger Wechsel vom herrschenden grellen Sonnenlicht draussen in diese Dämmerung. Ich weiss, es gibt Sonnenbrillen, sie war zu Hause, weil ich irrtümlicher Weise der Ansicht war ich hätte sie beim letztmaligen Gebrauch im Auto gelassen.
Sobald ich wieder klarsichtig war, stieg ich gemächlichen Schrittes die drei Treppenabsätze in den 1. Stock hinauf. Dort zu linker Hand befand sich eine Massivholztüre, die in diesem eher schlichen Treppenhaus fast deplaciert wirkte. Das war die Eingangstüre zu Philipp Talers Kanzlei, was auch das Wandschild neben dem linken Türrahmen bewies. Normalerweise gehe ich mit Schwung durch diese Türe, aber heute wo mich möglicherweise einiges Unbekanntes erwartete, zögerte ich einen Moment. Kurz tief durchatmen und dann konnte das Spiel beginnen. Nachdem die Türe hinter mir zugefallen war, befand ich mich in einem mit blauem Spannteppich belegten Flur. Links war mein Büro, was ein sehr hochtrabender Name war, denn es war eher eine Besenkammer. Drei Schritte weiter war rechts eine Milchglastür die das Wartezimmer verbarg und direkt anschliessend das Sekretariat. Das Wartezimmer und Karin Siegrists Reich waren durch eine Verbindungstüre in Kontakt Von Karins Bürotür waren es noch etwa zwei Schritte bis zum Ende des Korridors. Und dort war das Büro des grossen „Meisters“. Die Türe, ebenfalls aus Massivholz, war wie ich sehen konnte als ich darauf zusteuerte angelehnt, Stimmengemurmel war zu hören. Sonst wurde die Mittagsstille nur noch durch die üblichen Autogeräusche von der Strasse gestört.
Als ich mein Ziel erreicht hatte, klopfte ich kurz an die Tür und streckte meinen Kopf mit einem lauten „Mahlzeit“ in das Büro. Philipp der auf dem Sofa sass, sprang sofort auf und begrüsste mich geradezu überschwänglich:
„Wunderbar Lea, dass du da bist. Komm rein!“
Sein Gast hatte sich in der Zwischenzeit ebenfalls aus seinem an der rechten Stirnseite des Salonstisches befindlichen Sessel erhoben. Er war etwa gleich gross wie ich, also eins achtzig, hatte eine graue Igelfrisur und trug einen sehr teuer wirkenden beigen Anzug mit einem farblich genau passenden Hemd, aber keine Krawatte. In Punkto Eleganz hielt mein Chef spielend mit seinem Klienten mit. Ebenfalls im Anzug aber nicht nur mit dem farblich richtigen Hemd sondern auch mit der perfekt abgestimmten Krawatte. (Und das bei annähernd 30 Grad!). Mit Jeans und T-Shirt fühlte ich mich bei so viel Schick geradezu unwohl.
Philipp stellte mir seinen Besucher vor: „Lea, Willi Lauber Stadtpolizei Bern, Kriminalpolizei / Ermittlungsdezernat.“
„Willi, Lea v. Arnegg, meine Mitarbeiterin.“
Lauber und ich tauschten einen Händedruck aus. Mein Staunen, das mit Philipps morgendlichen Telefonat begonnen hatte, setzte sich nahtlos fort; erstens was den Beruf des Willi Laubers betraf, und zweitens was seine Kleidung betraf. Anscheinend gab es nicht nur Polizisten mit Lederjacke und Jeans sondern auch solche mit Modeverstand. Ich muss Willi Lauber, sagen wir es ruhig, ziemlich blöd angeschaut haben, denn er runzelte kurz die Stirn:
„Ist etwas Frau v. Arnegg“.
„Ich wusste gar nicht, dass wir so modebewusste Polizisten in der Stadt Bern haben.“
Lauber lachte laut auf:
„Zur ihrer Beruhigung, dienstlich ziehe ich mich so an, wie es unserer Devise bei der Polizei entspricht; nämlich so unauffällig wie es nur irgendwie geht. Heute ist mein freier Tag, und ich habe mich deshalb so sprichwörtlich in die Schale geworfen, weil meine Mutter heute ihren 80. Geburtstag feiert. Der engste Familienkreis ist ins Bellevue eingeladen und in dieses Nobelhotel kommt man ohne Anzug gar nicht herein“
„Es ist aber immer noch nicht sicher ob sie dich reinlassen; die Krawatte fehlt nämlich“, meldete sich Taler genüsslich.
Wie ein Zauberer der gleich seinen besten Trick vorführen will, wedelte Lauber mit der rechten Hand oberhalb seiner rechten Jackenanzugstasche und zog übertrieben theatralisch eine fein säuberlich zusammengelegte Krawatte hervor.
„Wie heisst es doch bei den Pfadfindern; allzeit bereit“.
Nachdem wir alle unsere Lachanfälle hinter uns gebracht hatten nahmen die Herren wieder ihre Plätze ein. Ich setzte mich in den Sessel der sich gegenüber dem Sofa und dem Salontisch befand. Es war nicht direkt meine Lieblingsposition, denn die schwarze Couchgruppe befand sich links von der Bürotür und ich schätzte es überhaupt nicht, nicht zu wissen was hinter meinem Rücken geschehen könnte. Taler deutete auf die Mineralwasserflasche, die sich auf dem Tisch befand und fragte ob ich einen Schluck wolle. Ich wollte nicht.
„Also“, begann Philipp, beugte sich nach vorne und stützte seine Arme auf seine Oberschenkel, „Gehen wir in Medias res. Weißt du wer Christoph Matt ist?“
Bei mir klingelte etwas „Du meinst den Journalisten der vor etwa drei Jahren illegale Bauabsprachen im Kanton Bern aufdeckte“?
Ein Kopfnicken von Lauber bestätigte dass ich richtig lag. Taler machte weiter:
„Du hast nicht diesen Samstag die Ausgabe vom „Bund“ gelesen?“
Ich hatte keine Ahnung ob das ein Wissenstest werden sollte, deshalb antwortete ich in einem fast verteidigenden Ton:
„Ich gestehe ein, ich habe ihn nur flüchtig durchgeblättert, schliesslich habe ich am Samstag meinen Drittjob wahrgenommen.“
Mit Drittjob war die Tätigkeit als Ladendetektivin im Warenhaus Loeb gemeint. Entgegenkommender fragte ich:
„In der Zeitung stand etwas über diesen Christoph Matt?“
Philipp nickte und sagte:
„Christoph Matt wurde in der Nacht auf Freitag am so genannten Aarestrand tot aufgefunden. Diese Nachricht hat nicht nur der Bund, sondern fast alle Zeitungen der Schweiz veröffentlicht und das hatte mit dem Privatleben von Matt zu tun. Aber darauf komme ich später zurück.“
Taler machte eine kurze Pause, so als würde er hoffen, dass Willi Lauber in das Gespräch eingreifen würde. Aber Lauber schwieg, zurückgelehnt in seinen Sessel, beharrlich. Er wirkte fast schon desinteressiert. Philipp führte weiter aus:
„Die Polizei geht von der Annahme aus, dass Matt von einem Junkie überfallen wurde der dringend Geld brauchte. Daraus resultierte dann ein Kampf. Matt bekam eins auf die Nase, kam aus dem Tritt, versuchte mit einem Schritt rückwärts wieder in Position zu kommen und stiess dabei gegen eine Baumwurzel. Damit kam er völlig aus dem Gleichgewicht und fiel nach hinten. Dabei hatte er das Pech mit dem Kopf gegen einen Baumstrunk zu knallen und das hat sein Genick nicht mehr ausgehalten“.
Sachlich und nüchtern wie ein Wetterbericht der etliche Regentage vorhersagte, hatte Philipp das vorgetragen. Ich hatte nach wie vor kein Schimmer um was es hier ging. Aber ich wollte kein Spielverderber sein und stellte, jedenfalls nach meiner Ansicht, die Fragen, die auf der Hand lagen:
„Woher hat die Polizei diese Erkenntnisse und wo liegt der Pferdefuss?“
Anscheinend hatte ich für Kommissar Lauber das Stichwort geliefert um endlich in das Gespräch einzugreifen. Und das, wie mir erst jetzt bewusst wurde, mit einer so sonoren Stimme, dass mancher Radiosprecher vor Neid erblasst wäre.
„Spuren am Tatort“ Frau v. Arnegg, „aber vor allem die Prellungen im Brustbereich, Oberarmen und das gebrochene Nasenbein bei Matt. Was, wie nannten sie das wieder, den Pferdefuss betrifft, der zeigt sich in der Form einer Frage:
“Was machte Christop Matt zwischen 23 und 24 Uhr am Aarestrand. Kein rechtschaffener Bürger geht, auch wenn es eine laue Sommernacht ist, um diese Zeit an einen solchen Ort. Da gibt es verdammt noch mal lauschigere Plätze in der Stadt Bern.“
Nach diesem letzten Satz schlug Lauber auf die Sessellehne, stand auf und fing an zwischen Bürotür und dem am gegenüberliegendem Ende des Raumes stehendem Schreibtisch hin und her zu tigern. Philipp lehnte sich in seinem Sofa zurück und schaute mich warnend an, jetzt ja still zu sein. Das tat ich auch, verbunden mit der Erkenntnis, dass ich, was den Aarestrand betraf, gleicher Ansicht war wie der Polizeibeamte. Dieser Strand war nämlich eine geraume Zeit einer der Drogenumschlagplätze Berns gewesen. Vor etwa einem Jahr hatte die Polizei aber rigoros aufgeräumt. Tagsüber war er jetzt ein beliebter Tummelplatz für jede Altersgruppe, wegen dem in der Nähe liegenden Marzilibad gab es aber Badeverbot. Aber in der Nacht kommen die Ratten aus ihren Löchern. Einige Junkies und Dealer packte dann die Sentimentalität. Sie kehrten im Dunkeln an diesen Ort zurück. Auch verstärkte Polizeikontrollen konnte sie nicht davor abschrecken.
Inzwischen hatte Lauber sich wieder beruhigt, seine Wanderung beendet und sich in seinen Sessel gesetzt.
„Tut mir leid“
Diese Entschuldigung war an Philipp und mich gerichtet. Bevor einer von uns beiden etwas darauf erwidern konnten, machte der Ermittlungsbeamte weiter.
„Eigentlich ist es ja ein fast gelöster Fall, aber von meiner Seite gibt noch etwas Spezielles; nämlich eine private Komponente. Christoph Matt war mit meiner Patentochter liiert, sie wollten in zwei Wochen in der Innerschweiz heiraten und das ist auch der eigentliche Anlass, wieso diese Todesmeldung von Matt in vielen Schweizer Zeitungen zu lesen war. Denn seine zukünftige Frau ist in der Schweiz und im Ausland ein bekanntes Fotomodell.“
Lauber drehte sich zu mir und fixierte mich mit seinen Augen regelrecht:
„Sie kennen sie auch Frau v. Arnegg, sie heisst Eva Wegmüller.“

4.Kapitel
Ich war paff. Eva Wegmüller kannte ich tatsächlich, sie war die Tochter des einen Moosbachers Dorfkönigs, (der andere war mein Vater), des Architekten Karl Wegmüllers. Wir hatten nicht nur gemeinsam die gesamte Schulzeit durchgestanden, sondern waren auch richtig dicke Freundinnen gewesen. Aber wie das Leben so spielt, nach Beendigung der Schulpflicht trennten sich unsere Wege. Eva machte ihre natürliche Schönheit zu Kapital, sie wurde wie Lauber vorhin sagte Fotomodell und jettete dementsprechend in der Weltgeschichte herum. Ich wiederum machte meine Matura und den Rest meines Liedes kennen sie ja liebe Leser.
Meine Reaktion auf Kommissars Laubers Eröffnung war nicht gerade geistreich:
„Ich lese keine Klatschblätter Herr Lauber, deshalb dachte ich, Eva liege auf einer Südseeinsel am Strand oder ist sonst irgendwo in der Weltgeschichte unterwegs.“
Philipp gab einen eigenartigen Laut von sich. Er ahnte oder wusste sogar dass sein Kollege, ich jedenfalls nahm es an, dass Lauber zumindest sein Kollege war, was Eva betraf sehr empfindsam reagieren konnte. Lauber ebenfalls starrte mich noch intensiver an, schluckte kurz, sagte aber nur:
„Eva hat einen Job der hat durchaus ein gewisses Verfallsdatum und es ist besser wenn dir keiner sagen muss wann es soweit ist“. Sie ist jetzt 38“, Lauber hielt kurz inne, denn er wurde sich bewusst das er indirekt auch mein Alter angesprochen hatte und als Mann der alten Schule, jedenfalls so schätzte ich ihn ein, war ihm das fast peinlich. Ich machte jedenfalls kein Geheimnis um mein Alter.
„Eva hatte also vor einem Jahr beschlossen abzutreten und hat diesen Januar eine Modellagentur in Thun eröffnet.“
Ich wusste nun auch was meine Jugendfreundin tat oder tun wollte, nämlich unter anderem das Überfallopfer Christoph Matt zu ehelichen. Aber den Zusammenhang sah ich trotzdem immer noch nicht. Dass sagte ich auch zu Lauber. Aber die Antwort lieferte Philipp.
“Wie schon gesagt, für die Polizei und die Staatsanwaltschaft ist die Sachlage eigentlich klar. Willi, ich meine Herr Lauber, kann in diesem Fall vorläufig nicht mehr viel tun, das Dossier ist auf der Prioritätenlisten weit nach hinten gerutscht und wird in den nächsten Wochen ins Nirwana verschwinden. Aber es gibt eben die eine grosse Frage und die will Eva nach Möglichkeit beantwortet haben.“
Philipp rekapitulierte sie nochmals:
„Aus welchem Anlass ging Christoph Matt letzten Donnerstagabend an den Aarestrand. Die wahrscheinlichste Variante fällt weg; Matt hatte keinen Rechercheauftrag einen Bericht über das Berner Drogenmilieu oder etwas Ähnliches zu verfassen.“
Mit diesem Satz hatte Philipp die wahrscheinlichste Antwort vom Tisch gewischt. Aber ich hatte noch einen Einwand auf Lager:
„Herr Lauber, wieso kann die Polizei dieser Frage nicht nachgehen?“
„Ganz einfach Frau v. Arnegg, es besteht kein Anlass dazu. Es gibt keinerlei Hinweise, dass Christoph etwas Illegales am Aarestrand wollte, er hatte auch nichts Verbotenes dabei, ich nenne nur als Beispiel Drogen. Auch bei ihm zu Hause haben wir nichts gefunden, dass auf Unrechtmässiges schliessen lässt. Verstehen sie mich richtig, ich musste schon öfters in meiner Polizistenlaufbahn Fälle mit unbeantworteten Fragen auf die Seite legen, das empfand ich nie als persönliche Kränkung. Aber hier gibt es einfach diese persönliche Involviertheit. Mit dem meine ich Eva, sie hat mit dem Verlust schon genug zu kämpfen, aber dieses Nicht- Begreifen macht alles noch viel schwerer.“
Nach dieser Fast-Ansprache an meine Adresse, griff Lauber auf seiner rechten Sesselseite mit der Hand auf den Boden und hievte ein Schnellhefter auf seine Knie.
„Der Ball liegt jetzt bei Ihnen Frau v. Arnegg“.
Das wusste ich auch, aber zuerst wollte ich Klartext reden:
„Ich soll also Material sammeln, damit vor allem Eva begreifen kann, was ihr Liebster an einem solchen Ort tun wollte. Ich hoffe, ihr ist bewusst, dass es auch eine sehr unangenehme Kenntnis werden könnte.“
Lauber nickte, Philipp setzte, wie es zu einem guten Anwalt gehört ein Poker Face auf. Mein Auftrag war also jetzt klar definiert, jetzt wollte ich auch wissen wie ich zu dieser Ehre kam.
„Wie sind sie auf mich gekommen?“
Die Antwort kam prompt und dabei grinste Lauber verschmitzt:
“Ich kenne Philipp seit der Zeit als er in meinem Segelclub eintrat, das war vor zwei Jahrzehnten. Bei uns ist es üblich, dass ein Neumitglied in der ersten Zeit ein „Götti“ bekommt der ihm zeigt wie der ganze Laden läuft. Ich war also Philipps Begleiter und wir sind aneinander hängen geblieben, dadurch erfuhr ich auch mit der Zeit, dass er eine Mitarbeiterin für Materialbeschaffung beschäftigt.“
Eigentlich wollte ich damit mit meiner Fragerei Schluss machen, aber mir kam urplötzlich etwas in den Sinn.
„Herr Lauber, sie sagten vorhin, Eva sei vor einem Jahr aus dem Business ausgestiegen, ich nehme an, mittlerweile ist sie öfters bei ihrem Vater zu Besuch gewesen. In Moosbach kennt fast jeder mein Beruf, wieso wendet sie sich nicht direkt an mich?“
Nach Laubers Reaktion hatte ich irgendeinen heiklen Punkt angesprochen. Er fing nämlich an das Schnellhefter in seinen Händen hin und her zu drehen. Und genauso gedreht war seine Antwort:
“Eva hatte ziemlich Schwierigkeiten mit ihrem Vater, erst in diesem April fanden sie wieder zueinander. Das andere ist, ihr habt euch mindestens 19 Jahren nicht gesehen, da kam man durchaus Hemmungen entwickeln einfach anzurufen und um Rat ansuchen.“
Ich wollte gerade einen Einschub machen, als Lauber eine verneinende Handbewegung machte.
„Wenn sie genaueres über die Probleme mit ihrem Vater wissen wollen, müssen sie schon Eva selber fragen.“
Das wollte ich mit Garantie tun.
„Also?“ insistierte Lauber und streckte mir das Schnellhefter entgegen.
Ich konnte mir nichts vormachen, seit dem Zeitpunkt als Eva Wegmüller ins Spiel kam, war ich eine Gefangene dieser Geschichte. Ich nickte kurz mit dem Kopf und das wurde von Philipps Seite mit einem tiefen Aufschnaufen quittiert. Lauber gab so etwas wie ein zustimmendes Knurren von sich und deutete auf die Unterlagen:
“Hier drinnen befindet sich das alles in schriftlicher Form was wir vorhin erläutert haben, es gibt noch ein paar Ergänzungen dazu.“
„Polizeiakten spazieren führen, sie setzten ja ihren Job aufs Spiel!“
Diese Stichelei konnte ich mir nicht verkneifen. Lauber setzte wieder sein verschmitztes Grinsen auf.
„Wissen Frau v. Arnegg, ich habe aus verschiedenen Gründen beschlossen dieses Jahr mit meinen 58 Jahren den Beruf an den Nagel zu hängen. Meinen grössten Wunsch konnte ich mir erfüllen, ich habe ein Haus in Florenz erworben und dort gedenke ich meine restliche Lebenszeit zu verbringen. Darum würde ich mir wegen eigenen widerrechtlichen Handelns keine Gedanken mehr machen. Aber zu ihrer Beruhigung, das sind keine Akten, das sind nur allgemeine Notizen, die man durchaus auch der Öffentlichkeit zugänglich machen könnte.“

Buch Kriminalroman

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