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Sammeln – Kleben – Bewahren

von Josef Beda

Sie immer wieder von neuem gelesen und angeschaut hat man in meiner Kindheit die schönen Sammelbild-Alben, welche streng behütet in einem Regal gestanden haben. – Es gab damals wohl wenige Schokoladenfabriken, die zu ihren Erzeugnissen nicht Bilder mitgegeben haben, die man sammeln konnte. Und wenn dann beinahe alle Bildchen beieinander waren freute man sich auf das Einkleben. Sollte eines gefehlt haben hat man »tüschlet« – irgendeine Klassen-Kameradin oder ein Kamerad hatte es sicher, und vielleicht fehlte ihr oder ihm gerade das Bild, was man selber doppelt oder mehrfach besass.

Heute habe ich ein Buch entdeckt, welches als dritter von insgesamt siebzehn Sammelbild-Alben nach dem Zweiten Weltkrieg von der Chocolat Tobler AG anfangs der 1950-er Jahre herausgegeben wurde. Es trägt den ganz einfachen Titel »Märchen«. In viel kleinerer Schrift steht davor der Name des Erfinders der fünf im Buch abgedruckten Märchen: Hans Christian Andersen; der Name des wohl bekanntesten und berühmtesten Dichters und Schriftstellers Dänemarks. Die fünf Märchen zählen zu den schönsten die ich von Andersen kenne: »Däumelinchen«, »Der standhafte Zinnsoldat«, »Die Prinzessin auf der Erbse«, »Der Schweinehirt« und »Das hässliche junge Entlein«.

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Für dieses Buch musste man 80 verschiedene Bildchen – besonders schöne –  sammeln. Alle Bilder im vorliegenden Album wurden von Margrit Braegger, wie leicht zu erkennen ist, sehr liebevoll gezeichnet und gemalt. Je ein Bildchen eines jeden der fünf Märchen, begleitet mit einem kleinen Textauszug, möchte ich Ihnen hier zeigen:

 

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«Das ist eine reizende Blume!» sagte die Frau und küsste sie auf die schönen roten und gelben Blätter, aber gerade als sie sie küsste, öffnete sich die Blume mit einem großen Knall. Es war eine wirkliche Tulpe geworden, aber mitten in der Blume auf dem grünen Fruchtknoten sass ein winzig kleines Mädchen, so fein und lieblich; sie war nicht grösser als ein Daumen, und deshalb wurde sie «Däumelinchen» genannt.

 

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Ein Soldat sah dem anderen zum Verwechseln ähnlich, nur ein einziger war ein wenig anders; er hatte nur ein Bein, denn er war zuletzt gegossen worden, und da hatte das Zinn nicht mehr ganz gereicht. Doch er stand ebenso fest auf seinem einen Bein wie die anderen auf ihren zweien, und gerade er war es, der etwas Besonderes wurde.

 

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Am andern Morgen fragte man sie, wie sie geschlafen habe. «Ach, ganz entsetzlich schlecht!» sagte die Prinzessin. «Ich habe fast die ganze Nacht kein Auge zugetan! Es muss etwas in meinem Bette gewesen sein, wer weiss, was das war! Ich bin ganz blau, so hart bin ich gelegen! Es ist ganz entsetzlich!» Da konnten sie sehen, dass es eine richtige Prinzessin war, weil sie durch die zwanzig Matratzen und die zwanzig Eiderdaunendecken hindurch die eine, kleine, runde Erbse gespürt hatte. So empfindlich konnte nur eine richtige Prinzessin sein.

 

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Der Prinz jedoch liess sich nicht einschüchtern. Jetzt erst recht nicht! Er schmierte sich braune Farbe ins Gesicht, zog eine Mütze über den Kopf und klopfte an das Schlosstor. «Guten Tag, Kaiser!» sagte er, «habt Ihr nicht eine Stelle für mich frei?» «Ach, es gibt so viele, die eine Stelle bei uns suchen», sagte der Kaiser, «aber lass dich einmal sehen! Ich brauche einen Schweinehirten, denn Schweine haben wir viele!» Und so wurde der Prinz kaiserlicher Schweinehirt. Er bekam eine schlechte Kammer unten beim Schweinestall, und dort musste er bleiben; und da sass er den ganzen Tag und arbeitete.

 

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Und der Winter wurde so kalt, so kalt; das Entlein musste im Wasser umherschwimmen, damit es nicht ganz zufrieren konnte, und doch wurde jede Nacht das Loch, in dem es schwamm, schmäler und schmäler; die Eisdecke krachte in der Kälte. Das Entlein musste ständig die Beine gebrauchen, damit das Wasser sich nicht schliessen konnte; zuletzt wurde es matt, lag ganz still und fror dann im Eis fest. Früh am Morgen kam zum Glück ein Bauer; er sah es, ging hinaus und schlug mit seinem Holzschuh das Eis in Stücke und trug dann das Entlein heim zu seiner Frau. In der Wärme wurde es wieder belebt.

 

Bild-Quellen:
Bild A: Bild auf dem Schutzumschlag
Bild B: Bild aus dem Märchen «Däumelinchen«
Bild C: Bild aus dem Märchen »Der standhafte Zinnsoldat«
Bild D: Bild aus dem Märchen »Die Prinzessin auf der Erbse«
Bild E: Bild aus dem Märchen »Der Schweinehirt«
Bild F: Bild aus dem Märchen »Das hässliche junge Entlein«

 

 

 

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