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Tagebuch der Armut

von Sara Grob

In der Primarschule war ich „DIE LESERATTE“ meiner Klasse. Niemand las schneller als ich, niemand verschlang mehr Bücher als ich. Den grössten Teil meiner Lektüre bezog ich damals aus dem Brockenhaus Flawil und dem Brockenhaus Degersheim. Unsere Familienausflüge in die Brockenhäuser gehören zu meinen schönsten Kindheitserinnerungen. Meine Eltern liessen mich meine Bücher selbst auswählen und redeten mir da nicht rein. Es war mir früh klar, dass die Welt nicht so heile ist, wie es den kleinen Kindern gerne weisgemacht wird. Früh kam ich deshalb weg von der „Heile-Welt-Kinderliteratur“ und wandte mich spannenderen und tiefgründigeren Büchern zu.

Etwa in der fünften Klasse (ich war damals 11 Jahre alt) durften wir in der Schule einen Vortrag zu einem freigewählten Thema halten. Mein Thema war mir sofort klar: Die Favelas in Brasilien. Selbstverständlich mussten wir die Themenwahl von unserer Lehrerin bestätigen lassen. Ich sagte zu meiner Lehrerin also: „Ich werde einen Vortrag über die Favelas in Brasilien halten.“ Antwort meiner Lehrerin: „Ach, das sind doch diese Mini-Pferde…“
Nein, die argentinische Miniaturponyrasse interessierte mich nicht im Geringsten und sollte bestimmt nicht das Thema meines Vortrags sein. Mein Thema sollten die Favelas, die Armen- und Elendsviertel in Brasilien sein.
Glücklicherweise war meine Lehrerin mit meiner Wahl einverstanden auch wenn es sich nicht um süsse Ponys sondern um traurige Fakten handelte.

Wie kommt ein 11jähriges Mädchen auf die Idee einen Vortrag über Favelas zu machen? Indem es „Das Tagebuch der Armut“ von Carolina Maria de Jesus im Brockenhaus kauft und liest. Dieses Buch hat mir wahnsinnig Eindruck gemacht. Noch jetzt, mit 24 Jahren, denke ich noch oft an Carolina Maria de Jesus und ihr Leben.

Zuerst ein Zitat aus dem Vorwort von Audálio Dantas:

„Die grosse Gestalt dieses Buches ist der Hunger. Von der ersten bis zur letzten Seite erscheint er mit zermürbender Beständigkeit. Die weiteren Personen sind Folgen des Hungers: Alkoholismus, Prostitution, Gewalttaten, Diebstahl. Carolina beschreibt ihren Hunger und den Hunger ihrer Nachbarn, sie fotografiert direkt, roh, ohne Beiworte, was das Elend ist. Aber ihr Buch ist trotz allem eine Botschaft des Glaubens, weil sie nicht müde wird, während sie die Tragödien der Favela erzählt, eine bessere Welt herbeizusehnen.“

Und nun lasse ich Carolina Maria de Jesus sprechen. Einige Auszüge aus dem Buch „Tagebuch der Armut“:

…Ich ging beim Schlachter vorbei, um ein halbes Kilo Beefsteak zu kaufen. Der Preis war 24 und 28. Die Preisunterschiede machten mich nervös. Der Schlachter erklärte mir, dass das Filet teurer ist. Ich dachte an das Missgeschick der Kuh, die eine Sklavin des Menschen ist. Sie verbringt ihr Leben in der Wildnis, nährt sich von Pflanzen, mag gern Salz, aber der Mensch gibt ihr keines, weil es teuer ist. Nach ihrem Tode wird sie zerteilt. Das Fleisch wird sortiert und den Preisvorschriften entsprechend eingeteilt. Und sie stirbt, wenn der Mensch es will. So lange sie lebt, verdient der Mensch an ihr. Und wenn sie stirbt, bereichert sich der Mensch. Letzten Endes ist die Welt so, wie der Weisse will. Ich bin keine Weisse, und diese Desorganisation geht mich nichts an.

Ich habe Kaffee gekocht und Wasser geholt. Ich hörte einen Schrei und ging hin, um zu sehen, was es sei. Odete stritt sich mit ihrem Freund. Sie sagte: „Dona Carolina, holen Sie die Polizei!“ Ich riet ihr, sich zu beruhigen. „Odete, Sie sind in anderen Umständen!“ Sie hielten einander fest. Ich bin schon seit elf Jahren in der Favela, und es ekelt mich, diesem Schauspiel beizuwohnen. Odete war halb nackt; die Brüste waren zu sehen. Sie streiten, ohne zu  wissen, weshalb sie streiten. Die Nachbarinnen erzählten mir, dass Odete ihrem Freund kochendes Wasser ins Gesicht gespritzt habe.

… Ich bin Papier sammeln gegangen. Ich war entsetzt über das Schauspiel, das Alexandre am Morgen gegeben hatte. Ich habe viel Eisen und wenig Papier gesammelt. Als ich am Zeitungsstand vorbeiging, stolperte ich und fiel hin. Da ich sehr schmutzig war, schrie ein Mann: „Das ist Hunger!“ Und man gab mir Almosen. Aber ich bin hingefallen, weil ich müde war.

Wie ist es doch entsetzlich, morgens aufzustehen und nichts zu essen zu haben! Ich habe sogar daran gedacht, Selbstmord zu begehen. Wenn ich Selbstmord begehen sollte, dann wegen der Leere im Magen. Und weil ich darüber unglücklich bin, hungrig aufgewacht zu sein.

Heute bin ich froh. Ich habe Geld verdient. Ich habe bis zu 300 Cruzeiros gezählt! Heute werde ich Fleisch kaufen. Wenn ein Armer heutzutage Fleisch ist, lacht er unentwegt.

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