Blog von buchplanet.ch | gebrauchte Bücher zu unschlagbaren Preisen

Werner Bergengruen – einer meiner Lieblingsschriftsteller

von Adventskalender

Adventskalender 6: Werner Bergengruen – einer meiner Lieblingsschriftsteller

von Urs Steiner

 

Mit dem Erzählband „Der letzte Rittmeister“, erschienen 1952 im Verlag der Arche, Zürich, schenkt uns Werner Bergengruen (1892 – 1964) sein persönlichstes Werk, weil darin einer Welt gehuldigt wird, welcher der Dichter selber entstammt: der versinkenden Welt der Pferde und der echten Kavaliere. Dieses gemeinsame Weltgefühl verbindet den Erzähler mit der faszinierenden Gestalt des „Letzten Rittmeisters“, in dessen nobler Bescheidenheit und humorvoller Güte wir jene besten Eigenschaften vereinigt finden,  welche der Engländer im „Gentleman“ verkörpert sieht. Dieser Mann, der sich als ursprünglicher Offizier in zaristischen Diensten nach mancherlei Abenteuern in das Tessin zurückgezogen hat, besitzt die seltene Gabe, in zahlreichen Geschichten und Anekdoten sein eigenes Schicksal zu offenbaren.

 

Josef

 

Dieser sehr treffende Klappentext  macht klar, wieso ich Bergengruen mag.  In eine Rahmenerzählung eingebettet  finden sich eingeschobene Berichte, Kochrezepte, allgemeine Lebensregeln,  Anekdoten, welche an Don Quixote oder den Baron von Münchhausen erinnern.  Der letzte Rittmeister  (und man fragt sich immer, wieweit das autobiographisch zu verstehen ist) ist an Liebe, Wein und Waffen ebenso interessiert wie an Wunderlichem und Wunderbarem und an metaphysischen Fragen (Kindlers Literatur Lexikon). Nachfolgend ein paar Müsterchen:

„…Nach dem Umsturz kämpfte er in verschiedenen weissen Truppenkörpern. Hier avancierte er zum Oberstleutnant – der Dienstgrad eines Majors war ja unter Alexander dem Dritten abgeschafft worden, – doch nahm er diese Beförderung nicht gänzlich ernst und billigte es, dass er für mich und für viele andere Menschen der Rittmeister blieb…Wenn der Rittmeister über sein letztes Avancement abschätzig dachte, so hatte das einmal seinen Grund darin, dass es ja nicht mehr vom Kaiser gekommen war und daher  einer Vollgültigkeit zu ermangeln schien. Dann aber passte ihm auch der Titel Oberstleutnant nicht. „Sehen Sie, ein Rittmeister ist man“, sagte er, „wie man ein Bauer, Priester oder Asthmatiker ist. Es ist konstitutionell. Oberstleutnant wird man nur genannt. Schliesslich ist das eine Funktionsbezeichnung. Für die Funktionäre bin ich nie sehr portiert gewesen.“

Der Rittmeister hatte ein Buch veröffentlicht mit dem Titel „Einhundertundsechsundachtzig Rezepte für die differierendsten Lebenslagen, ersonnen oder gesammelt und in jedem einzelnen Falle sorgsam  ausprobiert von Incertus“. In der Tat waren, wie der Titel es versprach, die differierendsten  Lebenslagen berücksichtigt. So gab es ein „Rezept  für den Umgang mit Behörden“ und in einem Anhang „Winke für den Umgang mit Behörden in totalitären Staatswesen“. Ein anderes galt dem Mischen von farben unter spezieller Beachtung von Sonnenuntergängen, Reseda und Herbstnebeln. Beim „Kaffee à la Marghiloman“ wird die Entstehungsgeschichte dieses Getränks mitgeliefert. Marghiloman, rumänischer Premierminister, erwarb sich bei einer Jagd Beifall und Dankbarkeit der Gesellschaft, als er kurzerhand Befehl gab, den Kaffee mit Champagner zu kochen, nachdem sich herausgestellt hatte, dass kein Wasser  mitgeführt worden und die Quelle, auf die man sich Rechnung machte, versiegt war. Der  Rittmeister fand rühmende Worte für die aufstimmende und erheiternde Wirkung dieses wasserlosen Kaffees und unterliess nicht, ihn auch für Wüstenexpeditionen zu empfehlen.

Ein Rezept hiess: „Schuhwerk richtig zu behandeln“.  Hier vertrat er ketzerische Meinungen. Kein Schuhwerk, so behauptete er, erhebe den Anspruch , täglich geputzt zu werden; erhebe eins ihn dennoch, so sei ihm das von Menschen eingeredet worden. Ein richtiges Schuhputzen brauche, unvorhergesehene Widrigkeiten abgerechnet, nicht häufiger als Haarschneiden vorgenommen zu werden, da habe man gleich einen guten Anhaltspunkt und zugleich sei eine Verbindung von oben und unten hergestellt. Bei trockener Witterung  wischt man den Staub geschwind mit einem Lappen ab, am besten mit einem alten Strumpf, da kommen Nachbarn zueinander. Bei schmutzigem  Wetter denken die Leute auf der Strasse (ohnehin), man sei noch mit blanken Schuhen von Hause fortgegangen; übrigens denken sie gar nichts…

„Der letzte Rittmeister“ bildet zusammen mit „Die Rittmeisterin“ und „Der dritte Kranz“  eine locker gefügte, durch die Titelgestalt zusammengehaltene Trilogie.

Ich werde mir den „Dritten Kranz“  vornehmen, welchen ich bisher noch nicht kannte und welcher mir heute per Zufall (wirklich per Zufall?) erstmals in meine Hände geriet.

Viel Vergnügen                                                                                              Urs Steiner

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.