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Aberglaube, Volksdeutungen, Bauernregeln – (Fortsetzung)

von Urs Steiner

Eine zauberische Wirkung hat auch das Blut der hingerichteten Verbrecher. Warm getrunken, heilt es die bösartigsten Krankheiten. Ein Glas Blut (von einem hingerichteten Menschen) getrunken, vertreibt das falsche Weh.

Trägt man ein Knöchelchen von einem Hingerichteten bei sich, so geht das Geld nie aus. Alles, was man von einem solchen haben kann, wirkt Wunder. Dieser Glaube erinnert an die alten Menschenopfer. Der Verbrecher sühnt mit dem Tode seine Schuld; deswegen ist auch seine Fürbitte bei Gott sehr wirksam. Noch 1864 musste in Berlin – so erzählt Wuttke – der Scharfrichter bei der Hinrichtung zweier Mörder dem Publikum eine Masse weisser Tücher in’s Blut der Hingerichteten tauchen und erhielt für jedes 2 Taler!

Einen bösen Zauber führt auch der Kranke aus, wenn er Pflanzen berührt. Sie sterben hernach ab. Stirbt jemand, so bedeutet es für die Blumenstöcke im Zimmer, wo der Betreffende starb, dass diese auch schnell absterben werden. (Aus dem Rheintal)

Aehnlich die Frauen, wenn sie zu gewissen Zeiten Blumenstöcke berühren, verdorren diese auch. Holen sie Most oder Wein im Keller, so stirbt der ganze Inhalt  des Fasses ab. Zaubereien sind am wirksamsten, wenn sie von reinen Jungfrauen, von hoffenden Müttern oder von Frauen ausgeführt werden, die schon Zwillinge geboren haben. Die erste Frucht eines jungen Baumes soll ein Kind auf der Mutter Arm pflücken und in ein grosses Tuch legen. Essen soll diese Frucht aber eine hoffende Frau; der Baum wird dann recht fruchtbar. Die Märchen von den Gelüsten und Muttermälern sind allbekannt. Eine Mutter soll das Kindszeug nicht richten, bevor das Kind geboren ist, sonst stirbt es. Begegnet dem Jäger oder Reisenden  am Morgen zuerst eine alte Frau und wünscht sie ihm einen guten Tag, so kehrt er um, denn er weiss, dass er weder Glück noch Stern haben würde. Begegnet dem Manne am Neujahrsmorgen zuerst eine Frauensperson, so hat er Unglück zu gewärtigen. Dieser böse Zauber, der in der Frau liegt, ist ein unchristlicher, er stammt offenbar aus dem Heidentum, das der Frau auch in andern Dingen eine niedrige Stufe anweist.

Zauberkräftig ist auch ein Kind unter 7 Jahren. Dieses hat viel Glück in der Lotterie; man lässt es darum die Lose ziehen. Wägen und messen darf man ein Kind nicht; das ist ihm schädlich. Auch wächst es nicht mehr, wenn man mit dem Fuss über seinen Kopf wegspreizt oder wenn man ihm Branntwein zu trinken gibt. Kluge und fromme Kinder sterben früh. Das Händchen oder auch nur ein Fingerchen eines ungeborenen Kindes ist der beste Dietrich für Diebe; er öffnet alle Türen. Zündet der Dieb das Händchen an, so brennen so viele Finger nicht, als Personen im Hause nicht schlafen. Dieser Aberglaube soll nach Wuttke schon zu schrecklichen Verbrechen geführt haben, noch bis in’s 17. Jahrhundert herein.

Das Ohrenläuten deutet an, dass über das Betreffende gesprochen wird; läutet es im rechten Ohr, so geschieht es im günstigen Sinne, läutet es im linken, ist der Sinn ein ungünstiger. Das Zucken in den Augen stellt ein Zusammentreffen mit einem Bekannten in Aussicht, im erfreulichen Sinne, wenn es im rechten Auge zuckt, im unerfreulichen beim linken Auge. Das Nasenbeissen hat die Vorbedeutung für eine eintreffende Neuigkeit, und wer morgens mit dem linken Fuss zuerst aufsteht, riskiert tagsüber Missgeschick. Auch unter den Tieren sind viele zauberhaft. Ganz der Sagenwelt gehört der Drache oder Lintwurm an. Er ist eine geflügelte Schlange, die Schätze bewacht und davon in Gold glänzt. Drachenblut macht unverwundbar; wer das Herz eines Drachen isst, versteht die Sprache der Tiere. In der christlichen Sage, z.B. von Beat, ist der Drache auch der Inbegriff des Heidentums; er flieht vor dem frommen Gebete des Gottesmannes.

Die Schlange ist das Sinnbild des Blitzes, daher ein Tier Thor’s, bei den Heiden ein heilbringendes, unverletzliches Tier. Bei den Letten heissen die Schlangen Milchmütter und stehen unter dem Schutz einer höhern Göttin. Die alten Preussen unterhielten eine grosse Schlange, welche die Priester zu pflegen hatten. Sie betteten sie auf Kornähren und tränkten sie mit Milch. Daher ist auch bei uns njoch die Schlange geehrt. Als Hausotter schützt sie namentlich die Kinder. Tötet man sie, so sterben diese. Unter der Türschwelle hat sie ihren Sitz; auf dieser darf man darum nicht Holz spalten. Das Fett der Schlangen ist heilkräftig. Die Aerzte verwenden dasselbe nach dem Volksglauben häufig. Wir Knaben brachten einst eine erlegte Ringelnatter dem Dorfarzt und meinten, dafür ein grosses Stück Geld zu bekommen, wurden aber tüchtig ausgelacht. Wer das Fleisch einer weissen Schlange isst, lernt die Sprache der Vögel verstehen. Die Schlangen im Wald und Feld haben auch ihre Könige, die goldene Kronen tragen. Gehen sie baden, so legen sie diese Krone ab. Wer sie findet und damit entfliehen kann, wird unermesslich reich.

Wer einen Haselwurm fängt, bei sich trägt oder gar isst, erhält Zauberkräfte, kann sich unsichtbar machen, Schätze finden und heben, Kräuter reden hören. Zeigen sich Würmer oder Blindschleichen auf der Strasse, hat man Regen zu erwarten. (Sarganserland, 1916)

Fortsetzung folgt!

 

 

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