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Von Paris nach Istanbul

von Josef Beda

Die lange und aus vorwiegend politischen Gründen auch ziemlich vertrackte Geschichte der Zugsverbindungen von Paris in den Osten begann bereits Mitte des 19. Jahrhunderts, als der Bedarf an internationalen Zugsverbindungen zunahm und der damit verbundene Wunsch wuchs, die Fahrten in komfortablen Zügen möglichst ohne einen Umstieg an den Grenzbahnhöfen zu geniessen. Mit der ersten bekannten Zugsverbindung zwischen Paris und Wien im Jahr 1867 wurde der Grundstein für das europäische Luxusnetz, um welches sich der belgische Reiseunternehmer Georges Nagelmackers im Zusammenhang mit der Einführung von Schlafwagen, seit 1870 bemühte, gelegt.

 

Georges Nagelmackers wurde am 10. August 1845 in Lüttich geboren und ist am 10. August in Villepreux gestorben. Er war nebst Unternehmer auch Sportler: Als erster in der Sportgeschichte Belgiens wurde Nagelmackers in einer Disziplin Olympiasieger.

Am 4. Oktober 1872 gründete Georges Nagelmackers die Schlafwagen-Gesellschaft »Compagnie de Wagons-Lits«, welche Schlafwagen für verschiedene Strecken den jeweiligen Bahngesellschaften vertragsgebunden zur Verfügung stellte. Der Mangel an Geld zwang ihn jedoch bald dazu den amerikanischen Investor William d’Alton Mann in die Gesellschaft aufzunehmen. Die Gesellschaft wechselte infolge den Namen in »Mann’s Railway Sleeping Carriage Company Ltd«. Doch Mann verlor das Interesse an der Gesellschaft, Nagelmackers gelang es ihn auszukaufen und gründete am 4. Dezember 1876 die heute noch existierende »Compagnie Internationale des Wagons-Lits« abgekürzt CIWL.

 

Das Bild oben zeigt das Logo der »Compagnie Internationale des Wagons-Lits«, welches die Schlafwagen, Salonwagen und Speisewagen der Gesellschaft zierte.

Auch im Osten, im damaligen Osmanischen Reich, in Bulgarien, Rumänien und Serbien, wurde durch Bau von Strecken daran gearbeitet den Anschluss an das europäische Eisenbahnnetz zu erschliessen und so konnte 1878 der erste CIWL-Schlafwagenkurs zwischen Wien und der sich im Südwesten Rumäniens befindenden Stadt Orsovo eingeführt werden. Das wachsende Schienennetz, die positive Entwicklung des Schienenverkehrs und der gute Geschäftsgang der CIWL führten dazu, dass Georges Nagelmackers Pläne für einen ausschliesslich aus Wagen seiner Gesellschaft zusammengestellten Zug entwickelte. Diese Vorstellungen wurden an der Internationalen Fahrplankonferenz 1878 besprochen und vier Jahre später verkehrte probeweise ein Zug, welcher aus Schlafwagen und einem Speisewagen – alles Wagen der CIWL – zusammengestellt war, von Paris nach Wien und zurück. Die Probefahrt wurde zu einem grossen Erfolg, Nagelmacker konnte mit allen involvierten Bahngesellschaften Verträge für fahrplanmässige Verbindungen unterzeichnen – die »Geburtstunde« des Orient-Express.

 

Obenstehendes Bild zeigt den ersten Orient-Express, der am 5. Juni 1883 in Paris auf den langen Weg an das Schwarze Meer nach Warna startete.

Zwar wurden am 5. Juni 1883 keine grossen Feste gefeiert, aber es war der Tag, an dem der erste Orient-Express von Paris – Gare de l’Est – Richtung Warna, einer Stadt am Schwarzen Meer, abfuhr. Georges Nagelmackers verlegte die offiziellen Einweihungs-Feierlichkeiten auf den 4. Oktober gleichen Jahres, weil der Zug vorerst vorwiegend mit dreiachsigen Wagen verkehrte – die modernen im CIWL-eigenen Werk hergestellten vierachsigen mit Drehgestellen ausgerüsteten Wagen konnten erst auf diem Feier dem Betrieb übergeben werden. Kriege und die Politik dominierten die weitere Entwicklung des Orient-Expresses – dem Eisenbahnnetz der Luxuszüge. Die Linienführungen der Züge wurden oft verlegt, verkürzt oder verlängert, neue kamen dazu und andere wurden aufgehoben.

 

Die Karte zeigt die ersten Verbindungen des Orient-Expresses in den Jahren 1883 bis 1914. Der Erste Weltkrieg bedeutete Umleitungen der Linienführungen und n den nachfolgenden Jahren kamen viele neue weitere Verbindungen und »Zulieferstrecken« dazu.

Eine Linie führte ab dem 11. April 1919 auch durch die Schweiz. Der Simplon-Orient-Express verkehrte bis 1920 von Paris über Dijon, durch den Mont d’Or nach Lausanne, Brig, durch den Simplon nach Triest und ab Januar 1920 weiter nach Belgrad und ab Sommer gleichen Jahres bis nach Istanbul.

 

Die obenstehende Foto zeigt das Portal des Mont d’Or Tunnels in der Nähe von Vallorbe – hier mit dem TGV. Es war der westliche Punkt wo der Orient-Express in die Schweiz einfuhr oder sie verlassen hat. Der südliche Punkt bildete der Simplon-Tunnel zwischen Brig und Iselle di Trasquera (Italien).

Die Geschichte des fahrplanmässigen Orient-Expresses endete nach 126 Jahren im Dezember 2009 nach der Einstellung der letzten Verbindung, die seit 2007 zwischen Strassburg und Wien noch Bestand hatte. Aber auch heute muss auf die Fahrt mit den damaligen Luxuszügen nicht verzichtet werden. – Unternehmungen kauften die Wagen der CIWL, rüsteten sie auf und übergaben sie wieder dem Verkehr – dies bereits zu Zeiten als die fahrplanmässigen Züge wenigstens teilweise noch verkehrten -, nunmehr als Touristikzüge.

 

Luxus pur! Die Inneneinrichtung eines Salon-Wagens, wie sie heute noch in Touristikzügen eingesetzt werden.

Und wenn man mehr über die Geschichte und Gegenwart des Orient-Express erfahren will, sind im Internet etliche Websites vorhanden, die den Wissensdurst zu löschen vermögen. Wenn man die Fahrt etwas anders – im Geist und mit etwas »Krimi« erleben möchte, dann ist das Buch von Agatha Christi mit dem Titel »Der rote Kimono – Mord im Orient-Express« gerade das Richtige.

 

Bild-Quellen:
Bild A: Wikipedia
Bild B:
Bild C: Wikipedia
Bild D: Wikipedia
Bild E:
Bild F: http://www.artoftravel.de

 

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