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19. April 2018

Die dicke Bertha

von Gabriel Weber

Nur selten ist ein Land historisch so sehr mit einem Unternehmen verbunden wie Deutschland mit der Firma Krupp.

Gegründet wurde die Gussstahlfabrik Friedrich Krupp in Essen ursprünglich 1811. Unter Friedrichs Sohn Alfred Krupp expandierte das Unternehmen gewaltig und erreichte geradezu staatstragende Bedeutung, die Krupps erwarben sich den Ruf der „Kanonenkönige“ und „Waffenschmiede Deutschlands“, nicht zuletzt durch die Kriege, die Preussen mit Krupp-Waffen gewann. Als sichtbares Zeichen des Erfolgs liess Alfred die „Villa Hügel“ errichten, eine ebenso repräsentative wie unpraktische Residenz. Alfreds Sohn und Nachfolger Friedrich Alfred Krupp starb 1902 unter etwas merkwürdigen Umständen (siehe Blog vom 13. Oktober 2015) und hinterliess die Firma seiner ältesten Tochter Bertha. 1906 heiratete die reichste Erbin Deutschlands (und angebliche Namensgeberin der Kanone Dicke Bertha) den Diplomaten Gustav von Bohlen und Halbach, der die Leitung des Unternehmens übernahm und von Kaiser Wilhelm II. die Erlaubnis erhielt, zusätzlich zu seinem eigenen auch den Namen Krupp zu tragen. Der nunmehrige Gustav Krupp von Bohlen und Halbach führte die Firma durch zwei Weltkriege, wobei er und später auch sein ältester Sohn Alfried immer die Nähe der Mächtigen suchten (und die Mächtigen suchten die Nähe der Krupps), ob nun Kaiser oder Führer. Dies führte dazu, dass Vater und Sohn in Nürnberg auf der Anklagebank landeten. Alfried Krupp von Bohlen und Halbach baute, zusammen mit Berthold Beitz, das Unternehmen nach dem Krieg wieder auf und überführte es schliesslich in eine Familienstiftung, nachdem sein Sohn Arndt offiziell auf sein Erbe verzichtet hatte (deshalb durfte der 1986 verstorbene Arndt auch nur noch „von Bohlen und Halbach“ heissen, ohne „Krupp“).

Jetzt bei buchplanet.ch: Krupp. Deutsche Legende und globales Unternehmen von Harold James. Selbst der französische Schriftsteller Jules Verne, gewiss kein Freund der Deutschen (siehe Blog vom 22. August 2013), hat die legendäre Stahlfabrik literarisch verewigt: Die Maschine des Unterseebootes Nautilus wurde, nach Aussage von Kapitän Nemo, „par Krupp, en Prusse“ hergestellt.

17. April 2018

Auf nach Thule!

von Gabriel Weber

Geben Sie sich keine Mühe, geschätztes Publikum! Das durch seinen König bzw. durch Goethe bekannt gewordene Thule werden Sie in keinem Reisebüro der Welt im Katalog finden. Es existiert nämlich gar nicht. Wie viele nicht vorhandene Länder schon auf den Weltkarten aufgetaucht sind, das zeigt Edward Brooke-Hitching in seinem Atlas der erfundenen Orte.

Nach dem sagenumwobenen Land des Priesterkönigs Johannes wurde jahrhundertelang gesucht, zuerst in Asien, dann in Afrika. Der Hochstapler Gregor MacGregor (1786-1845) erregte 1821 Aufsehen mit Erzählungen von seinem angeblichen Fürstentum Poyais in Südamerika – es gab sogar Leute, die dorthin auswandern wollten, bei ihrer Ankunft jedoch eine unangenehme Überraschung erlebten. Keine Spur von dem versprochenen Paradies, für das sie so viel Geld ausgegeben hatten! Am Nordpol wurde ein grosser Magnetberg vermutet (deshalb, so glaubte man, zeigten ja auch alle Kompassnadeln nach Norden). Die Quelle des Nils wurde in den Mondbergen lokalisiert. Alexander der Grosse hatte vor, danach zu suchen, Julius Cäsar ebenfalls. Thomas J. Maslen fantasierte 1830 über ein riesiges Binnenmeer im Zentrum Australiens. Noch im Jahr 2009 suchten Wissenschaftler im Golf von Mexiko nach der seit dem 16. Jahrhundert bekannten Insel Bermeja und fanden nichts. Benjamin Morrell (1795-1839) bereicherte die Welt in seinen Reiseberichten um fiktive Inseln wie New South Greenland oder Byer’s Island. 1875 wurden insgesamt über 100 Inseln von den offiziellen Seekarten der britischen Kriegsmarine entfernt – weil die Admiralität dahinter gekommen war, dass es diese Inseln gar nicht gab.

Auch Orte wie Atlantis oder Eldorado sind auf alten Karten zu finden. Sogar über die geografische Lage des Irdischen Paradieses machte man sich Gedanken.

12. April 2018

Feldbach & Söhne

von Gabriel Weber

Die kaufmännische Lehre gehört zu den beliebtesten Berufsausbildungen. Dabei hat sich über die Jahrhunderte hinweg viel geändert, vieles ist aber auch gleich geblieben. Wie lief es in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg?

Der Kaufmann Karl Feldbach – Import, Export und Kommission – übernimmt zusätzlich zu seiner eigenen die Firma seines verstorbenen Geschäftsfreundes Bruckmann. Ein vergrössertes Unternehmen erfordert allerdings mehr Personal, daher treten Feldbachs Söhne Kurt, Ernst, Fritz und Adolf als Lehrlinge in den Betrieb ein. Unter der sachkundigen Anleitung des Prokuristen Krey lernen die vier Burschen alles über Buchhaltung, Korrespondenz, Offerten, Warenmuster, Preiskalkulation usw. Übrigens handelt die Firma Feldbach mit so ziemlich allem: Tee, Kaffee, Rum, Talg, Pottasche, Gewürze, Kork, Olivenöl, Soda… Einmal werden sogar zwei Giraffen an den Zoologischen Garten vermittelt. Man stelle sich vor: Im Büro (bzw. im Kontor) wird noch alles von Hand gemacht! Die Bücher, die Briefe, alles mit Feder und Tinte auf Papier geschrieben! Das kann man sich als heutiger Leser kaum noch vorstellen.

Vom Stift zum Handelsherrn. Ein deutsches Kaufmannsbuch von Friedrich Wilhelm Stern ermöglicht dem Publikum Einblicke in die Geschäftswelt früherer Zeiten. Man darf allerdings keine Angst vor Fachbegriffen und Zahlen haben. Der letzte Satz des Buches lautet übrigens (sehr aufschlussreich): „Das walte Gott!

10. April 2018

Richard oder nicht Richard…

von Gabriel Weber

…das ist die Frage im Roman Das dunkle Haus am See von Sarah Smith.

Der Chemiker Alexander von Reisden, wohnhaft in Lausanne, fährt 1906 zu einem Kongress nach Boston. Zuvor hat er bereits von einer abenteuerlichen Geschichte gehört: Rund 20 Jahre früher ist der Millionär William Knight ermordet worden. Sein kleiner Enkel Richard, der designierte Erbe seines Vermögens, verschwand wenig später spurlos – Das Ganze ist bis heute ungeklärt. Besonders rätselhaft ist jedoch die Tatsache, dass Alexander dem verschwundenen Richard offenbar verblüffend ähnlich sieht. Und gerade jetzt will Gilbert Knight seinen Neffen Richard offiziell für tot erklären lassen. Oder doch nicht? Manche Leute haben jedenfalls ein Interesse daran, dass Richard für tot erklärt wird und der einst von seinem Vater zugunsten Richards enterbte Gilbert in den Besitz des Knightschen Vermögens kommt. Gilbert selber zögert jedoch. Erstens ist er persönlich vom Ableben seines Neffen keineswegs überzeugt und zweitens möchte er begreiflicherweise nicht als habgieriger Erbschleicher dastehen. Und jetzt taucht plötzlich dieser psychisch angeschlagene Baron aus Europa auf, der an Gedächtnisstörungen leidet. Seine früheste Erinnerung besteht darin, dass er als etwa Zehnjähriger zu seinem Vormund nach Österreich kam; davor ist alles zappenduster. Reisden wird unsicher; ist er Richard? Er glaubt es nicht. Und doch… Es gibt nur eine Möglichkeit, die Sache ein für alle Mal zu klären: Alexander von Reisden begibt sich zusammen mit Gilbert Knight und dessen Adoptivsohn Harry nach New Hampshire in das Landhaus, in dem der Alte seinerzeit ums Leben kam (eben jenes „dunkle Haus am See“), um herauszufinden, was damals wirklich passiert ist. Entdeckungen lassen nicht lange auf sich warten.

Das war eben eine Zeit noch ohne DNA-Tests! Übrigens tat der kleine Richard Knight damals, unmittelbar nach der Ermordung seines Grossvaters und kurz vor seinem eigenen Verschwinden, einen mysteriösen Ausspruch: „Ich sage nichts.“ Nicht „Ich weiss nichts“ – man beachte den Unterschied!

5. April 2018

Und sie bewegt sich doch!

von Gabriel Weber

Klugheit schützt vor Torheit nicht! In Irrtümer der Wissenschaft von Luc Bürgin geht es um kapitale Fehleinschätzungen der Wissenschafts- und Technikgeschichte.

Ignaz Semmelweis entdeckte die Ursache des Kindbettfiebers – doch die Fachwelt wollte nichts davon wissen und verfrachtete Semmelweis schliesslich in eine psychiatrische Klinik. Noch schlimmer erging es Ludwig Boltzmann, einem Pionier der Atomtheorie – er floh in den Suizid. Hermann Oberth wurde spöttisch belächelt, als er schon in den Zwanzigerjahren erklärte, Mondraketen und sogar bemannte Mondflüge seien, wissenschaftlich betrachtet, durchaus möglich. Theophrastus von Hohenheim, besser bekannt als Paracelsus, floh einst Hals über Kopf aus Basel. Mit seinen aus heutiger Sicht sehr fortschrittlichen medizinischen Ansichten hatte er sich an der Universität zu viele Feinde gemacht. Selbst Sigmund Freud musste sich in jungen Jahren als „Wiener Wüstling“ beschimpfen lassen.

Neben den Forschern haben auch die Erfinder ein schweres Leben. Entweder kräht kein Hahn nach ihrer Arbeit oder sie werden von Kollegen überflügelt. Als Philipp Reis 1861 das erste Telefon präsentierte, hatte niemand Interesse. Gustav Weisskopf leistete einen grossen Beitrag zur Erfindung des Flugzeugs, versank aber für die Nachwelt im Schatten seiner Zeitgenossen, der Gebrüder Wright. An der Weltausstellung in Wien 1873 präsentierte Siegfried Marcus einen Benzinmotor mit elektrischer Zündung – die erste Ahnung des Automobils. Der „verrückte Graf“ Ferdinand von Zeppelin fand lange Zeit niemanden, der sein lenkbares Luftschiff finanzieren wollte. Auch für eine Vermarktung des 1904 vorgestellten „Telemobiloskops“ (zu deutsch: des ersten Radargeräts) von Christian Hülsmeyer interessierte sich damals keiner.

Verkannte Genies hat es wohl schon immer gegeben. Wer weiss, was da draussen heute so herumläuft…

3. April 2018

Des Mannes neue Kleider

von Gabriel Weber

Hans Christian Andersens Kaiser mit Kleider-Fimmel kommt dem heutigen Publikum etwas exotisch vor. Der Grund ist beispielsweise auf Gruppenfotos von Politikern oder Wirtschaftskapitänen sichtbar: Der klassische dunkle Anzug mit Krawatte ist heute sozusagen die Uniform des „besseren Herrn“ – ziemlich stereotyp, nur geringfügige Abweichungen sind möglich. Warum da so ist, untersucht Sabina Brändli in ihrem Buch „Der herrlich biedere Mann“.

Im Mittelalter und in der frühen Neuzeit war genau vorgeschrieben, wer was tragen durfte. Je höher der soziale Rang, desto prächtiger die Kleidung. Die Wende kam mit der französischen Revolution: Der schlichte dreiteilige Anzug des Bürgertums wurde zum Symbol der Abgrenzung gegen den Adel mit seinem Kleider-Pomp. Im Verlauf des 19. Jahrhunderts etablierte sich das Bürgertum immer mehr (anstelle des Adels) als die staatstragende Schicht, wodurch sich auch sein Anzug allgemein durchsetzte. Je einheitlicher und spartanischer der Männeranzug wurde, insbesondere der Frack, desto mehr wurde die Haute Couture eine Domäne der Frauen (es gibt nichts schlimmeres, als wenn bei einem festlichen Anlass zwei Frauen das gleiche Kleid tragen!…). Männer, die sich zu sehr herausputzen (sogenannte Dandys), geraten leicht in den Verdacht der Homosexualität – es sei denn, es handelt sich um Uniformen.

Eigentlich schade, dass man als Mann heutzutage so wenig Spielraum hat!

29. März 2018

Die Frau Doktor

von Gabriel Weber

Ein neues „wahres Märchen“:

Es war einmal eine Frau mit dem schönen Vornamen Dorothea. Sie wird 1715 in Quedlinburg als Tochter eines Arztes geboren und zeichnet sich schon früh durch auffallende Intelligenz und einen fast unstillbaren Wissensdurst aus. Ihr Vater ermöglicht ihr eine gute Ausbildung bei Privatlehrern, obwohl ihm die Gelehrsamkeit seiner Tochter etwas unheimlich ist. Die Mutter hat gar kein Verständnis dafür; wozu braucht – ihrer Auffassung nach – eine zukünftige Hausfrau schon höhere Bildung? Aber Dorothea bringt Wissenschaft und Hauswirtschaft unter einen Hut. Nachdem sie lange ihrem Vater in seiner Praxis zur Hand gegangen ist, möchte sie in Halle Medizin studieren. Zur damaligen Zeit ein unerhörter Gedanke! Doch die Quedlinburgerin hat einflussreiche Förderer; König Friedrich der Grosse höchstpersönlich gestattet Dorothea mit Königlichem Erlass vom 15. April 1741 das Studium. Der eigentliche Beginn des Studiums verzögert sich allerdings aufgrund verschiedener Umstämde. Noch vor Beginn ihrer akademischen Karriere heiratet die begabte Arzttochter einen verwitweten Pfarrer mit fünf Kindern (vier weitere Kinder werden folgen). Neben Familie und Haushalt hat die Frau Pfarrer alle Hände voll zu tun mit den vielen Kranken, die sich an sie wenden. In der Gegend ist nämlich bekannt, dass sie mehr weiss als so mancher studierter Mediziner. Das passt den örtlichen Ärzten natürlich gar nicht! Nicht-akademische Konkurrenz, noch dazu von einer Frau! Nach vielen Schwierigkeiten gelingt – nicht zuletzt auch dank der Unterstützung durch ihren Ehemann – schliesslich doch das scheinbar Unmögliche: Am 12. Juni 1754 promoviert Dorothea an der Universität Halle zum Doctor Medicinae. Endlich kann sie ihre ärztliche Tätigkeit ganz offiziell und gegen Bezahlung ausüben (bisher war das nämlich immer etwas heikel, Dorothea hätte leicht wegen „Kurpfuscherei“ angeklagt werden können). Am 13. Juni 1762 stirbt Dorothea, die erste Ärztin Deutschlands, in ihrer Heimat Quedlinburg.

Sie war eine wahre Pionierin: Dr. med. Dorothea Christiane Erxleben, geborene Leporin. In Doktorhut und Weibermütze erzählt Julia von Brencken ihre Geschichte.

27. März 2018

Einfach tierisch!

von Gabriel Weber

Karen Duve und Thies Völker haben in ihrem Lexikon berühmter Tiere 1200 prominente Viecher porträtiert.

Da sind zunächst einmal die realen, historisch (mehr oder weniger) belegten Tiere. Bukephalos (das Pferd Alexanders des Grossen), Incitatus (das Pferd Caligulas), The Godolphin Arabian (siehe Blog vom 24. Oktober 2017) und natürlich Barry (der Inbegriff des Bernhardiners, aber ohne Fässchen). Thomas Mann, Arthur Schopenhauer und Martin Luther waren Hundebesitzer, Michael Jackson hatte eine bizarre Vorliebe für Affen. Der Elefant Jumbo war seinerzeit der tierische Nationalheld Englands, das fleischgewordene Symbol des Empire; sein Verkauf nach Amerika löste 1882 beinahe einen Volksaufstand aus. Ein Hund namens Nipper ging als „Wappentier“ von His Master’s Voice in die Geschichte der Schallplatte ein, ein anderer, Greyfriar’s Bobby, wich 14 Jahre lang nicht vom Grab seines Herrn in Edinburgh. Die amerikanische Hauskatze Dusty schenkte im Laufe der Zeit 420 Kätzchen das Leben.

Dann haben wir die Tiere aus Literatur, Film und Fernsehen. Die Pferde Fury, Black Beauty und Jolly JumperHatatitla und Iltschi; die Hunde IdefixRin-Tin-Tin, Lassie, Struppi und Pete (siehe Blog vom 1. Juni 2017); die Elefanten Babar und Dumbo; der Bär Paddington; der gestiefelte Kater; die Affen King KongCheetah und Fipps; die Meeresbewohner Moby Dick und Flipper, ferner der Weisse Hai, der die Autoren des Lexikons zu einer ganzen psychoanalytischen Abhandlung inspiriert. Den Beagle Snoopy und seinen gefiederten Kumpel Woodstock verdanken wir Charles M. Schulz. Selma Lagerlöf hat die Gans Martin beigesteuert, Felix Salten das Rehkitz Bambi und Waldemar Bonsels die Biene Maja. Rudyard Kiplings Jungle Book ist eine ergiebige Quelle, ebenso natürlich die Zeichentrick-Welt von Walt Disney. Eine eigene Kategorie sind die Fälle, in denen die Spezies fiktiv ist, zum Beispiel Drachen wie Fuchur, Grisu, Frau Mahlzahn und Nepomuk (letzterer ist allerdings ein Halbdrache!).

Die Schweiz ist namentlich mit National-Vogel Globi vertreten. Ausserdem gibt es natürlich den Amtsschimmel, den Ohrwurm und ähnliches Getier.

26. März 2018

Gefundenes – zum philosopieren

von Julia S.

Komisch gefangen

Papierbild von Carl Spitzwegs Gemälde „Aschermittwoch“

 

Fröhlich ist traurig

 

Farbenfroh hinter Gittern

 

Draußen eitler Sonnenschein,

drinnen sitzt der Clown

 

Traurig weggesperrt

 

Komik festgehalten

22. März 2018

In den Köpfen anderer Leute

von Gabriel Weber

Monica M. Vaughans Jugendbuch Die Spione von Myers Holt – Rache undercover ist der mittlere Teil einer Trilogie.

Christopher Lane, genannt Chris, ist zwölf Jahre alt. Des Weiteren ist er Schüler von Myers Holt, einer streng geheimen Schule in London. Dort lernen Chris und fünf Altersgenossen, mit der „Gabe“ umzugehen, einer ganzen Palette übersinnlicher Fähigkeiten, die jedes Kind zwischen dem 12. und dem 13. Geburtstag besitzt (bloss wissen die Meisten nichts davon – glücklicherweise!). Ein Bestandteil der Gabe ist zum Beispiel die Fähigkeit, in das Bewusstsein anderer Menschen einzudringen, ihre Gedanken, Gefühle und Erinnerungen auszukundschaften. Das ist natürlich sehr praktisch, besonders für die Verbrechensbekämpfung, in der die Schüler von Myers Holt tätig sind. Alles schön und gut, aber Chris schleppt eine gewaltige Hypothek mit sich herum. Es ist noch nicht lange her, da hat er – einen Menschen getötet. Jawohl, getötet, durch seiner Gabe. Chris hat dabei zwar, wie man so schön sagt, „nur seine Pflicht getan“, aber er leidet trotzdem furchtbar darunter, sein schlechtes Gewissen lässt ihm keine Ruhe. Und dabei weiss er noch nicht einmal, dass Ernest, der Zwillingsbruder des Toten, Rachepläne schmiedet. Ernest ist übrigens auch zwölf und verfügt ebenfalls über die Gabe…

Das Buch ist psychologisch sehr interessant. Der von Schuldgefühlen gequälte Chris, seine Mutter, die seit dem Tod ihres Mannes immer tiefer in Depressionen versinkt, und nicht zuletzt der faszinierend vielseitige Schurke Ernest, der schlicht und einfach mehr gelitten hat, als er ertragen konnte… Besonders originell sind die Sequenzen, in denen erzählt wird, wie es im Bewusstsein eines Menschen aussieht.