Blog von buchplanet.ch | gebrauchte Bücher zu unschlagbaren Preisen
23. Mai 2017

Büro 1028

von Gabriel Weber

Heute publiziere ich ausnahmsweise zwei Blogs. Der ganz alltägliche Wahnsinn des Bürolebens ist Thema eines Buches von Walter E. Richartz mit dem sprechenden Titel Büroroman. Der Titel passt hervorragend.

Deutschland, Frankfurt am Main, Firma DRAMAG, Verwaltungshochhaus, 10. Stockwerk, Büro 1028: Dort arbeiten Herr Kuhlwein, Frau Klatt und Fräulein Mauler. Jeden Morgen kommen sie zur Arbeit und setzen sich an ihre ewig gleichen Schreibtische. Dann folgt jeden Tag die gleiche Arbeit, Herr Kuhlwein beispielsweise muss Zahlen in ein Formular eintragen. Frühstückspause, Mittagspause, alles geht seinen geregelten Gang. Die alles und jeden abstumpfende Routine kennt keine Gnade. Frau Klatt (leicht zu erkennen, das ist die mit dem ausgeprägten hessischen Dialekt) hält jeden Tag ihr Mittagsschläfchen auf der Toilette. Manchmal hört man Klatsch aus anderen Büros – stellen Sie sich vor, in manchen Abteilungen soll es Mitarbeiter geben, die überhaupt nichts zu tun haben, sondern nur durch ihre Anzahl dem Prestige des Abteilungsleiters dienen! Man redet zwar miteinander, sagt aber im Grunde nichts. Manchmal zankt man sich wegen des Gehalts. Und längst nicht jeder weiss, was die Firma, für die er da dauernd arbeitet, eigentlich genau herstellt. In der Kantine mit ihrem streng genormten Geschirr und ihrer Fliessband-Abfertigung wird gegessen und geschwatzt. Nur selten passiert etwas. Wenn hoher Besuch kommt, wird das ganze Gebäude auf Hochglanz poliert. Und einmal stürzt vor dem Fenster von Büro 1028 ein Fensterputzer beinahe ab. Aber sonst läuft alles wie am Schnürchen…

Vom normalen Dasein via Büro-Alltag hin zur kompletten Verblödung – der Autor hat diesen Weg sehr gut auf den Punkt gebracht.

23. Mai 2017

Edgar Bergens Testament

von Gabriel Weber

Als der amerikanische Bauchredner Edgar Bergen 1978 starb, vermachte er Charlie McCarthy 10’000 Dollar. Was daran das Besondere ist? Charlie McCarthy war seine Bauchrednerpuppe – aus Holz, mit Frack, Zylinder und Monokel. Valentine Vox, selber Experte auf diesem Gebiet, erzählt in Die Geschichte der Bauchrednerkunst aus der Welt der Ventriloquisten.

Das Bauchreden war schon in der Antike bekannt. Im Mittelalter war die Fähigkeit zu sprechen, ohne dass man merkt, woher die Stimme kommt, als Hexerei verschrien, erst in der Neuzeit machte der Ventriloquismus Karriere als unterhaltsame Kunstgattung. Bauchredner traten nun im Theater oder auf Jahrmärkten auf. Im 18. Jahrhundert kam allmählich jenes Accessoire auf, das bis heute fest dazugehört: die Puppe. Ventriloquisten wie Fred Russel  mit seinem Coster Joe und „Der grosse Lester“ mit seinem Frank Byron prägten dann um 1900 das übliche Bild vom Bauchredner mit der Puppe auf den Knien. Herbert Dexters Ehefrau liess sich scheiden, weil ihr Gatte mehr mit seiner Puppe sprach als mit ihr. 1948 starb Arthur Prince – sein Jim wurde mit ihm zusammen beigesetzt. Und wir in der Schweiz, wir haben natürlich Kliby und Caroline!

Doch der Ventriloquismus hat immer noch etwas Unheimliches an sich. Bauchrednerpuppen, die ein Eigenleben entwickeln, sind ein beliebtes Thema in einschlägigen Büchern und Filmen.

22. Mai 2017

Zart ‚be-eult‘ und laut ‚ge-kräht‘ – Intro- und Extro…

von Julia S.

In Susan Cain’s Buch- STILL wird in Kapitel 3, die ‚Überdosis an kreativer Zusammenarbeit – Die Entstehung des neuen Gruppendenkens und die Kraft des Alleinarbeitens‘ beschrieben. Eine hohe Anzahl von Lehrern ist überzeugt vom Gruppenlernen in der Schule, ideal ab der vierten Klasse. Teils in den Eliteschulen tendiert man noch auf das gegenüber Lehren, die Tische der Schüler sind vor dem Lehrer nach vorne gerichtet aneinander gereiht, statt ein paar Pulte zusammengeschoben. Die amerikanischen Schulen bevorzugen das Gruppenlernen, so das Schüler auf die bevorstehenden Führungsrollen in Firmen trainiert werden können. Das neue Gruppendenken an den Schulen ist tendenziell steigend, da gerade junge Lehrer dieses Lehren bevorzugen. Die Schüler sind gefordert kooperativ zu lernen um auch später in der Wirtschaft eigenverantwortlich lernen zu können. Diese These spiegelt die Geschäftswelt wider, die Achtung vor anderen wird von verbalen Fähigkeiten abhängig gemacht, statt von Originalität oder Klugheit. Es ist ein Elitedenken, das nicht auf Leistung beruht. – Endlich mal ein positiver, sozialer Zukunftsausblick! – Heutzutage arbeitet man in den Firmen in Gruppen, deshalb tun es jetzt auch die Kinder in den Schulen.

Aus einer Geschichte die wahrscheinlich von Mark Twain stammt – aus Kapitel 11 ‚Über Schuster und Generäle – Wie man stille Kinder in einer Welt erzieht, die sie nicht hören kann‘ – wird erzählt, dass ein Mann auf der Erde den grössten General sucht. Im Himmel zeigt Petrus auf einen anderen Mann. „Das ist nicht der Grösste General aller Zeiten, dieser Mann war auf der Erde bloss ein Schuster“ protestierte der Mann von der Erde. „Das weiss ich“ sagte Petrus. „Aber wäre er General gewesen, dann wäre er der grösste von allen gewesen.“ Wir alle sollten auf Schuster achtgeben, die vielleicht grosse Generäle gewesen wären. Das heisst, wir sollten unser Augenmerk auf introvertierte Kinder richten, deren Talente allzu oft verkümmern, sei es Zuhause, in der Schule oder auf dem Spielplatz. Im Buch folgt hier eine spannende Geschichte eines Kinderpsychologen, die zum Nachdenken anregt und deutlich Aufschluss gibt, über (fehlerhaft) vorgelebte Eltern-Kind Beziehung. Interessant, gerade weil man oft selbst nicht darauf kommt, wenn einem dies nicht vor Augen geführt wird. Fehler sind menschlich ja, aber es wäre so wichtig darauf zu achten, für ein intaktes Selbstvertrauen und eine gesunde Psychologie der Heranwachsenden!

Ein Blick in die Geschichte des Kinderpsychologen… Jetzt, wo die Mutter Joyce versteht, dass der Schultag stressig für ihre Tochter Isabel ist, denken sich die beiden gemeinsam Strategien aus, damit die Zweitklässlerin den Tag übersteht. „Vorher wollte ich, dass Isabel dauernd rausgeht und sich mit anderen trifft, und habe ihre schulfreie Zeit mit Aktivitäten vollgepackt“, sagt Joyce. „Deshalb überlegen wir jetzt gemeinsam, wann und wie viele Verabredungen sinnvoll sind.“ Joyce hat nichts mehr dagegen, dass Isabel nach der Schule eine Weile auf ihr Zimmer geht oder einen Geburtstag ein bisschen eher verlässt als andere Kinder. Sie hat begriffen, wenn Isabel ihr Verhalten nicht als Problem ansieht, sollte es auch für sie, Joyce, keinen Grund geben, es so zu sehen. STILL – Jetzt bei uns im www.buchplanet.ch erhältlich!

18. Mai 2017

Tantchen und der Klunker

von Gabriel Weber

Dass eine reiche Erbtante einem ihr ganzes Vermögen hinterlässt, ist für viele Leute ein Traum. Gerald erlebt das tatsächlich.

Von heute auf morgen wird Gerald Wilkins aus Australien nach London verfrachtet. Seine ihm völlig unbekannte Grosstante Geraldine ist gestorben und hat ihn als alleinigen Erben ihres Milliardenvermögens eingesetzt. Die geldgierige Verwandtschaft ist empört; Geralds Eltern hätten zwar viel lieber selber geerbt, sind aber mit der Position als Eltern eines noch unmündigen Milliardärs auch ganz zufrieden und dampfen ab, um es sich so richtig gut gehen zu lassen. Gerald bleibt zurück, mit einem luxuriösen Stadthaus, einem unsympathischen Butler – und der Erkenntnis, dass Tante Geraldine möglicherweise keines natürlichen Todes gestorben ist. Offenbar hängt das Ableben der alten Dame irgendwie mit einem riesigen Diamanten zusammen (bei diesen Dingern scheint wirklich der Wurm drin zu sein, siehe Blog vom 11. Mai 2017), der kürzlich aus dem British Museum gestohlen worden ist. Ausserdem taucht ein Mann auf, der aussieht wie der Tod persönlich, und legt ein nicht sehr wohlwollendes Interesse an dem jungen Milliardär an den Tag. Zum Glück hat Gerald die streitlustigen Zwillinge Sam und Ruby kennengelernt. Sie helfen ihm dabei, den verschiedenen Rätseln auf den Grund zu gehen. Ist die Lösung vielleicht auf Geraldines bzw. Geralds (er wurde nach ihr benannt, weil seine Eltern sich bei der Erbtante einschmeicheln wollten) Landsitz in Beaconsfield zu finden? Oder doch eher in London, im exklusiven Rattigan Club?

Sam leidet übrigens an einer Ratten-Phobie (Blog vom 16. Mai 2017). Jetzt bei buchplanet.ch: Das Milliarden-Trio und der indische Diamant von Richard Newsome.

16. Mai 2017

Angst für Anfänger

von Gabriel Weber

Die Angst ist sozusagen mein Lebensgefühl. Schon seit zwei Dritteln meines bisherigen Erdendaseins ist sie meine ständige Begleiterin. Für Leute, die dieses Gefühl auch einmal ausprobieren möchten (Ich rate dringend davon ab!) und nicht wissen, welche irrationalen Ängste es gibt, empfehle ich Tim Lihoreaus Angst haben leicht gemacht.

Recht verbreitet ist die Vaporophobie, die Angst, vor dem Weggehen den Herd (oder den Wasserhahn oder das Licht oder den Fernseher…) angelassen zu haben. Die Holuphobie, die Angst, im Alter gaga zu werden, kommt auch gar nicht so selten vor. Viele Leute leiden in irgendeiner Form an Diveruphobie, der Angst, die Wahrheit zu sagen; an Congressiophobie, der Angst vor Sitzungen; oder an Perdituphobie, der Angst, nach einem Vergehen erwischt zu werden. Zu den klassischen Männer-Ängsten gehören die Calvophobie (Angst, eine Glatze zu bekommen) und die Molliphobie (Angst, keine Erektion hinzukriegen). Eher in das weibliche Umfeld gehören die Transpilophobie (Angst vor dem Gebären) und die Idemophobie (Angst davor, bei einem Anlass dieselbe Kleidung zu tragen wie jemand anderes). Gerade heutzutage ist die Novamundaphobie wieder weit verbreitet, die Angst vor Amerika. Ferner gibt es die Duxophobie, die Angst vor dem Chef (bei buchplanet.ch natürlich nicht!). Die reinste Zivilisationskrankheit ist die Obsoletophobie, also die Angst, nicht immer das beste und modernste Handy zu besitzen. Malventophobie hat nichts mit Malven zu tun, sondern ist die Angst, die eigenen Fürze würden schlimmer riechen als jene anderer Leute. Oviphobie ist die Angst davor, sich einem aktuellen Modetrend anzuschliessen (nicht etwa Angst vor Ovomaltine-Produkten). Ceterinfanophobie ist nicht etwa die Angst vor einem berühmten lateinischen Zitat (Ceterum censeo…), sondern die Angst vor den Kindern anderer Leute. Bekanntlich sind ja die eigenen Kinder bloss ein bisschen lebhaft und temperamentvoll, andere hingegen gemeingefährlich…

Wichtiger Hinweis: Ich leide selber an einem ganzen Telefonbuch von Phobien. Nur deshalb darf ich mich darüber lustig machen.

15. Mai 2017

Lesezeichen 41 – Gemischtwaren oder Reisevorbereitungen

von Julia S.

Heute bestaunen wir eine Kombination aus Lesezeichen und Vorsatzblättern aus Büchern. Die Postkarte mit dem früheren Chateaux (Schloss) Amboise an der Loire liegend in Frankreich (rechts von Tours und unterhalb von Paris) ist heute so eindrucksvoll wie damals und auf jeden Fall eine Besichtigung wert, falls Sie Ihre nächste Reise planen. Das Kalender-Lesezeichen mit einem Ausschnitt des Sonntagsspazierganges von Carl Spitzweg ist zu besichtigen im Museum Carolino Augusteum in Salzburg. Also gar nicht so weit entfernt. Das Original von 1841 wurde in Öl auf Holz (53,2 × 41,3 cm) gemalt. Interessant, wenn man sich auf die Spuren der Ephimera’s macht, nicht?! Die Vögel – nein nicht der Film – sind von Gustav André Forster 1990 kreiert worden, ein noch Unbekannter Zeichner im Internet. Die Handschrift und die Goldpunkte sind Vorsatzblätter, ebenso im zweiten Bild die Raffeln, Blümchen und das Rot. Der Kerl der Sie da so aberwitzig anguckt ist höchst wahrscheinlich ein Erdmännchen. Dieses Lesezeichen stammt sicher aus dem vierten Roman von Tommy Jaud „Hummeldumm“ und handelt von einer neunköpfigen Reisegruppe, die eine vierzehntägige Rundreise durch Namibia unternimmt. Der Titel bedeutet „Dumm wie ein Rindvieh“. Also Ihr Buch für die Ferien nicht Zuhause liegen lassen! Zurzeit bei uns im www.buchplanet.ch ein offenbar nicht weniger amüsanter Roman von Tommy Jaud VOLLIDIOT. Und zu guter Letzt, das Mäuschen auf dem Gänseei, eine Ölmalerei Von Elisabeth Deér-Szechenyi (1987).

11. Mai 2017

Für 40 Pfund ins Jenseits

von Gabriel Weber

Der Selbstmörderklub und Der Diamant des Rajahs sind teils aufregende, teils reichlich makabere Geschichten von Robert Louis Stevenson.

Prinz Florizel von Böhmen und sein Vertrauter, Oberst Geraldine, halten sich inkognito in London auf. Eines Abends lernen die beiden einen geheimnisvollen jungen Mann kennen, der sie in einen noch viel geheimnisvolleren Klub mitnimmt: Eben den Selbstmörderklub. Mitglieder sind Leute, die zwar lebensmüde sind, aber aus irgendeinem Grund nicht Suizid begehen können oder wollen. 40 Pfund beträgt die Beitrittsgebühr; man trifft sich jeden Abend zum geselligen Beisammensein und dabei werden anhand von Spielkarten ein Opfer und ein Täter ermittelt. Wer das Pik-As zieht, kann sicher sein, demnächst kurz und schmerzlos das Zeitliche zu segnen; wer das Kreuz-As zieht, dem obliegt die praktische Ausführung der Tat… Der Prinz ist zunächst sehr amüsiert von diesem morbiden Spielchen. Doch als es ihm eines schönen Tages selber an den Kragen gehen soll, lässt er den ganzen Laden auffliegen. Dann ist da der junge Amerikaner Silas Q. Scuddamore, der eines Abends nichtsahnend nach Hause kommt und in seinem Bett eine Leiche vorfindet. Der Offizier Brackenbury Rich wird Zeuge, wie Prinz Florizel den Präsidenten des Selbstmörderclubs im Duell besiegt. Der sechstgrösste Diamant der Welt, einst von einem indischen Fürsten einem britischen Kolonialoffizier geschenkt, verstrickt Harry Hartley, Simon Rolles und Francis Scrymgeour in turbulente Abenteuer.

Es handelt sich um mehrere Geschichten, die lose zusammenhängen. Und immer wieder taucht Prinz Florizel auf, attraktiv, elegant, liebenswürdig, ausgestattet mit enormem Reichtum und weit reichendem Einfluss. Trotzdem endet er nach einer Revolution als Tabakhändler.

9. Mai 2017

Schön wär’s!

von Gabriel Weber

Ein Klassiker der Philosophie ist Thomas Mores Utopia.

Der englische Humanist und Staatsmann Thomas More, auch als Thomas Morus bekannt (1535 geköpft), befasst sich mit der Frage nach dem idealen Staat. Utopia ist eine Insel, bewohnt von ungemein kultivierten und gebildeten Menschen. Die 54 Städte sehen alle absolut gleich aus und jeder ist eine bestimmte Fläche Ackerland zugeteilt. Die Städter ziehen abwechslungsweise für eine bestimmte Zeit in Gruppen aufs Land, um dort den Boden zu bestellen. In der Hauptstadt Amaurotum treffen sich einmal im Jahr drei Abgeordnete jeder Stadt, um gemeinsam über politische Dinge zu beraten. Alle Würdenträger werden streng demokratisch für ein Jahr gewählt. Es ist bei Todesstrafe verboten, ausserhalb der offiziellen Versammlungen über politische Themen zu diskutieren… Das grösste Verbrechen in Utopia ist Faulenzen. Man muss arbeiten, Männer und Frauen gleichermassen, und selbst die Freizeit soll man gefälligst mit einer nützlichen Tätigkeit verbringen! Sex ausserhalb der Ehe wird streng bestraft. Wer unheilbar krank ist, dem wird (ihm selbst und der Gemeinschaft zuliebe) der Suizid nahegelegt. Will man das nicht, kann man sich auch einschläfern lassen.

Ein wahrer Klassiker, dessen Titel sprichwörtlich geworden ist. Interessante Theorien, allerdings (meiner Ansicht nach) zuweilen doch etwas fragwürdig. Ob das wirklich der ideale Staat wäre?

8. Mai 2017

Weisheit für den Westen

von Julia S.

Es wird immer dringlicher, dass wir das geistige und spirituelle Leben als die eigentliche stabile Grundlage für das Erlangen von wahrhaftem Glück und Frieden erkennen. Ich denke, dass diese Weisheit mit allen Religionen kompatibel ist. Im Buch von Dieter Glogowski NEPAL, der drei Jahre in Nepal unterwegs war, sind haufenweise ähnlicher Weisheiten beschrieben. Von nepalesischen und tibetischen spirituellen Führern werden die Traditionen in der Meditation an die jüngere Generation weitergegeben und an Reisende aus aller Welt, die mehr vom Leben wissen wollen, als unsere Schulweisheit uns je mitgeben könnte. Mönche in roten Roben, gemurmelte Mantras, tanzende Schatten im Schein der Butterlampen, sakrale Heiterkeit. „Wozu dienen die sieben Wasserschalen auf dem Schrein?“ „Das ist eine Achtsamkeitsübung, einfach und leicht. Du füllst die Schalen jeden Morgen mit Wasser und schüttest sie jeden Abend vor dem Schlafengehen wieder aus. Eine Art Mediation – der Weg zur Achtsamkeit.“ „Das klingt einfach,“ gab ich ihm zurück. Lama Zewang schmunzelte und schwieg. Später Zuhause, als Geschenk die sieben Schalen mitgebracht, gelang es mir erst nach zwei Wochen, mit dem Ritual zu beginnen. Am Morgen die Schalen mit Wasser auffüllen, am Abend die Schalen zu leeren. Abgelenkt von Telefonaten, Emails und anderen Terminen kam ich nicht zu meiner Achtsamkeits-Meditation. Einfach? Ich musste lachen und erinnerte mich an die Worte von Dilgo Khyentse Rinpoche: „Arbeit ist die Faulheit des Westens.“ Darüber lohnt es sich zu sinnieren! Was wir abtun als spirituellen Kram um uns in freudiges Burnout zu stürzen verwundert mich. Interessant, dass wir nach so vielen Jahrhunderten noch nicht diese Weisheiten für uns entdeckt haben. Wir lesen sie, widmen uns aber wieder unseren anerzogenen Gesellschaftsschemen und nichts verändert sich.

Einer der Hauptgründe, warum wir soviel Angst haben, uns dem Tod zu stellen, liegt darin, dass wir die Wahrheit der Vergänglichkeit ignorieren. Für uns ist Wandel gleichbedeutend mit Verlust und Leid. Und wenn sich Veränderung einstellt, versuchen wir, uns so gut wie möglich zu betäuben. Stur und ohne nachzufragen halten wir an der Annahme fest, dass Dauerhaftigkeit Sicherheit verleiht, Vergänglichkeit hingegen nicht. (Sogyal Rinpoche). Was nützt es uns, zum Mond reisen zu können, wenn es uns nicht gelingt, den Abgrund zu überwinden, der uns von uns selbst trennt? (Thomas Merton). 

 

4. Mai 2017

Stille für den Maestro

von Gabriel Weber

Im Januar 1901 wurde auf der Strasse vor dem Grand Hotel et de Milan in Mailand Stroh ausgelegt, um die Geräusche zu dämpfen. Denn in einer Suite des Hotels lag Giuseppe Verdi im Sterben. Weitere Anekdoten kann man in Drehtür in die grosse Welt von Silke Behl und Eva Gerberding nachlesen.

Jedes Mal, wenn Salvador Dalì abgereist war, musste seine Suite im Meurice in Paris renoviert werden. 1909 scheuchte ein übereifriger Portier im Grand Hotel in Stockholm eine Frau vom roten Teppich, der für die Nobelpreisträger ausgerollt worden war – er wusste nicht, dass es sich um die Preisträgerin Selma Lagerlöf handelte. Theo Lingen bestellte im Vier Jahreszeiten in Hamburg mit Vorliebe den Eintopf aus der Personalkantine. Im Claridge’s in London musste selbst Marlene Dietrich den Nebeneingang benutzen, wenn sie als Frau Hosen trug. Hans Christian Andersen fühlte sich im Hotel d’Angleterre in Kopenhagen sehr wohl. Auf einem Wissenschaftler-Kongress im Metropole in Brüssel trafen sich 1911 Marie Curie und Albert Einstein. Anna Seghers und Bertolt Brecht hatten einen Literaten-Stammtisch im Fürstenhof in Leipzig. Trotz der ganzen Pracht war Richard Wagner vom Danieli in Venedig enttäuscht. Als 1896 die ersten Olympischen Spiele der Neuzeit stattfinden sollten, logierten die Organisatoren vom IOK im Hôtel Grande Bretagne in Athen. Das Negresco in Nizza wurde 1913 mit grossem Trara eröffnet, doch schon ein Jahr später waren die schönen Zeiten vorbei.

Die Autorinnen haben in diesem Buch die 50 schönsten Grandhotels Europas zusammengestellt. Auch die Schweiz ist vertreten. Das Dolder in Zürich galt schon früh als Hochburg der Sportler (Tennis, Golf usw.).