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19. Januar 2017

Als die Blutsauger noch keine Sexbomben waren

von Gabriel Weber

Lange vor Twilight und anderen Ergüssen der Gegenwart gab es Geschichten über Vampire (siehe Blog vom 5. Dezember 2013). Norbert Borrmann ist in seinem Buch Vampirismus diesem Mythos auf den Grund gegangen.

Es beginnt schon in der Antike. Erzählungen und Mythen von Parasiten, die den Menschen das Blut (sprich die Lebenskraft) aussaugen, und von Toten, welche die Lebenden heimsuchen, gibt es in vielen verschiedenen Kulturen der Welt – offenbar fürchten sich die Menschen seit jeher davor. Im frühen 18. Jahrhundert ereigneten sich auf dem Balkan mehrere Fälle, in denen Verstorbene zu Vampiren erklärt und gepfählt wurden, weil sich in ihrem Umfeld plötzlich Krankheit und Tod häuften. Beamte des Habsburgerreichs rapportierten dies nach Wien und lösten damit europaweites Interesse aus. Die nächste Vampir-Welle kam dann mit der Schauerliteratur der Romantik. John Polidoris Erzählung Der Vampyr, erschienen 1819, läutete eine ganze Serie von ähnlichen Werken ein, von denen Bram Stokers Dracula das bekannteste sein dürfte. Und wenn zu diesen Mythen auch noch real existierende Menschen kamen, denen man Vampirismus nachsagte, wie beispielsweise die ungarische „Blutgräfin“ Erszebet Bathory oder die deutschen Serienmörder Fritz Haarmann und Peter Kürten, dann wurde es erst richtig prickelnd…

Verführung und Sex (auch wenn frühere Vampire noch lebende Leichname waren, nicht so umwerfend anziehende Schönheiten wie ihre modernen Kollegen), Macht und Ausbeutung, Tiefenpsychologie mit ihren Trieben, Ängsten und Wünschen, Politik (Graf Dracula: Aristokraten als „Blutsauger“), Sehnsucht nach dem Tod oder nach Unsterblichkeit, Sucht, Machtgier… In Vampiren spiegelt sich vieles wieder, was die Menschen im Innersten bewegt. Wahrscheinlich sind und bleiben sie deshalb so populär.

17. Januar 2017

Klassiker für Faulenzer

von Gabriel Weber

Ach Gott, was sollte man alles gelesen haben! So im Deutschunterricht in der Schule oder zwecks Allgemeinbildung… Alle diese berühmten Romane und Novellen der deutschsprachigen Literaturgeschichte. Aber dummerweise sind diese sogenannten Klassiker oft recht umfangreich. Auch die zuweilen etwas komplizierte Sprache ist nicht jedermanns Sache. Wer keine Lust hat, viele dicke Bücher zu wälzen, kann ersatzweise den Romanführer von Wilhelm Olbrich konsultieren.

Das stehen alle drin, die Inhalte kurz zusammengefasst: Annette von Droste-Hülshoff (Die Judenbuche); Joseph von Eichendorff (Aus dem Leben eines Taugenichts); Theodor Fontane (Effi Briest, Der Stechlin, Frau Jenny Treibel); Johann Wolfgang Goethe (Werther, Wilhelm Meister, Die Wahlverwandtschaften); E. T. A. Hoffmann (Kater Murr, Das Fräulein von Scuderi); Thomas Mann (Buddenbrooks, Der Zauberberg); Erich Maria Remarque (Im Westen nichts Neues); Joseph Viktor von Scheffel (Ekkehard); Adalbert Stifter (Nachsommer); Theodor Storm (Der Schimmelreiter) und viele andere. Doch auch Autoren, die nicht unbedingt zum Kanon der hochstehenden Literatur gehören, wie Karl May (Winnetou) und Ludwig Ganghofer (Schloss Hubertus), kommen vor.

Auch die Schweiz ist vertreten, etwa mit Gottfried Keller (Der grüne Heinrich) und Jeremias Gotthelf (Anne Bäbi Jowäger). Für geplagte Schülerinnen und Schüler dürfte dieses fünfbändige Werk eine Wohltat sein! Immer noch viel zu lesen, aber insgesamt doch bedeutend weniger.

12. Januar 2017

In aufrichtiger Freude

von Gabriel Weber

Wenn in einer Todesanzeige steht: In aufrichtiger Freude geben wir bekannt, dass XY leider viel zu spät von uns gegangen ist, dann stimmt etwas nicht. Genauso ist es in Paul Kaufmanns Ein Kerl in Samt und Seide.

Franz Joseph M., ehemaliger Minister für Gesundheit und Umweltschutz, ist gar nicht tot. Er sitzt höchst lebendig in einer psychiatrischen Klinik (womit wir wieder beim Thema wären: siehe Blog vom 5. Januar 2017) und hat seine Todesanzeige selber verfasst. Und da er gerade beim Verfassen ist, schreibt er auch gleich noch seine Memoiren. Allerdings gibt gleichzeitig auch seine liebende Gattin Corinna seinem ehemaligen Sekretär Dr. Fabris den Auftrag, die offiziellen „Memoiren“ des Staatsmannes zu schreiben – natürlich so, wie man sie lesen möchte. Der Ex-Minister sieht das nicht so eng – wenn man schon offiziell und mit staatlicher Genehmigung einen Dachschaden hat, kann man es sich leisten, ehrlich zu sein. Das ist er auch, und zwar nicht zu knapp! Angelehnt an die historischen Geschichten von Till Eulenspiegel, zieht Franz Joseph seine Umwelt durch den Kakao. Alle kommen dran: All die verlogenen, heuchlerischen Spiessbürger, die heute schon nicht mehr wissen, was sie gestern noch gesagt und versprochen haben. Die Politiker, die sich nur dann um das Volk kümmern, wenn sie entweder Wählerstimmen oder Kanonenfutter brauchen (oder beides). Die Regierenden, die auch vor den übelsten Diktatoren kriechen, wenn es den wirtschaftlichen Interessen des Landes (beziehungsweise ihren eigenen) dient. Beamte, die dann am besten funktionieren, wenn sie gar nicht funktionieren. Na, an diesen Memoiren werden die Frau Gemahlin, der Herr Regierungschef und andere Leute gewiss ihre helle Freude haben!

Möchten Sie wissen, warum Franz Joseph M. eigentlich in die Klinik eingeliefert worden ist? Bei einer hochkarätigen Preisverleihung (in Gegenwart unzähliger Honoratioren und sonstiger verdächtiger Individuen) bekam er plötzlich einen Lachanfall und konnte gar nicht mehr aufhören, bis man ihn abtransportierte…

10. Januar 2017

Vor Gericht

von Gabriel Weber

In der Geschichte der Vereinigten Staaten von Amerika findet man verschiedene Auslandschweizer. Einer davon war Henry Wirz.

Am 25. November 1823 in Zürich geboren, ursprünglich mit dem Vornamen Heinrich, und wegen Vermögensdelikten zu zwölf Jahren Landesverweis verurteilt, kommt Wirz 1849 nach Amerika. Als 1861 der Sezessionskrieg beginnt, meldet Wirz sich freiwillig zur Armee der Südstaaten, wo er es bald zum Offizier bringt und schliesslich die Leitung des Kriegsgefangenen-Lagers Andersonville übernimmt. Nach dem Sieg der Nordstaaten kommt es in Washington zum grossen Sensationsprozess: Captain Henry Wirz wird der abscheulichsten Verbrechen angeklagt, die er an Gefangenen begangen haben soll, Mord und Totschlag, Folter, Misshandlung… Doch der Prozess ist, rechtsstaatlich gesehen, ein schlechter Witz! Die Öffentlichkeit im Norden schreit nach Rache an den Konföderierten und an höchster Stelle hat man grosses Interesse daran, dass Wirz als Sündenbock verurteilt wird, gewissermassen stellvertretend für die ganzen Südstaaten. Während die Presse fleissig gegen das „Monster von Andersonville“ hetzt und das Publikum im Gerichtssaal den Angeklagten sogar während der Verhandlung in übelster Weise beschimpft, spielt sich ein geradezu grotesker Schauprozess ab. Das Ungleichgewicht zwischen der Anklage und der Verteidigung wäre zum Lachen, wenn es nicht zum Weinen wäre. Welche Zeugen vorgeladen und vernommen werden, darüber entscheidet der Staatsanwalt nach eigenem Gutdünken. Was die Zeugen der Anklage aussagen, wird diskussionslos geglaubt – unabhängig davon, ob der betreffende Zeuge bei näherer Betrachtung Anspruch auf Glaubwürdigkeit erheben kann oder nicht. Ein Zeuge der Anklage entblödet sich nicht einmal, hinterher im Vorzimmer zu erklären, seine Aussage sei gelogen gewesen. Proteste der Verteidigung bleiben erfolglos. Das Ende ist klar: Am 10. November 1865 wird Henry Wirz in Washington D. C. gehängt.

Ob Wirz nun schuldig war oder nicht – der Prozess liess jedenfalls sehr viel zu wünschen übrig. Zu den Richtern gehörte übrigens General Lew Wallace, der Autor des Romans Ben Hur. Jetzt bei buchplanet.ch: Captain Wirz von Jürg Weibel.

5. Januar 2017

Im Reich des Irrsinns

von Gabriel Weber

Friedrich Glauser war gewissermassen der „Vater“ des Schweizer Kriminalromans. Sein Wachtmeister Studer ist – nicht zuletzt durch die filmische Darstellung von Heinrich Gretler – zur populären Figur geworden. Eines von Glausers bekanntesten Werken ist Matto regiert.

Wachtmeister Jakob Studer von der Berner Kantonspolizei bearbeitet einen neuen Fall. Dr. med. Ulrich Borstli, Direktor der Psychiatrischen Klinik (damals sagte man noch „Irrenanstalt“) in Randlingen (fiktiv) ist spurlos verschwunden und wird später tot aufgefunden. Beinahe zur gleichen Zeit ist auch ein Patient namens Pierre Pieterlen aus der Klinik entwischt. Die Vermutung liegt nahe, dass zwischen den beiden Ereignissen ein Zusammenhang besteht. So betritt Studer, begleitet vom stellvertretenden Direktor der Anstalt, dem undurchsichtigen Dr. Ernst Laduner, eine ausgesprochen seltsame Welt. Es ist die Welt der Geisteskranken, bevölkert von kuriosen Gestalten und rätselhaften Charakteren – wo hört eigentlich die Normalität auf, wo fängt die Verrücktheit an? Der brissagorauchende Wachtmeister weiss nicht mehr so recht, was er denken soll. Und über allem schwebt unsichtbar Matto, der Geist des Wahnsinns…

Einblicke in eine Zeit, als man Geisteskranke nicht unbedingt behandeln, sondern sie in erster Linie aus dem Verkehr ziehen und unschädlich machen wollte… Der Autor kannte dieses Umfeld aus eigener Erfahrung. Geradezu unvergleichlich ist Glausers Sprache, gewürzt mit saftigen Helvetismen.

22. Dezember 2016

„Daas git Lääbe, daas git Lääbe!“

von Gabriel Weber

So kommentiert HD-Soldat Läppli (alias Alfred Rasser) vergnügt das stundenlange Exerzieren. Die Vorlage für die Erlebnisse des Hilfsdienst-Soldaten Theophil Läppli aus Basel war die berühmte Militär-Satire Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk von Jaroslav Hasek.

Josef Schwejk aus Böhmen handelt mit Hunden und leidet an Rheumatismus, aber ansonsten tut er niemandem etwas zuleide. Als 1914 der Erste Weltkrieg ausbricht, gerät er plötzlich in das Räderwerk der k. u. k. Behörden. Zuerst wird er für ein Weilchen verhaftet (wegen unvorsichtiger Äusserungen bezüglich des Todes von Erzherzog Franz Ferdinand), dann muss er in die Armee. Doch ob Gefängnis, Psychiatrische Klinik oder Militär, ob im Krankenzimmer oder als Ordonnanz – der unverwüstliche Schwejk ist nicht kleinzukriegen. Er bringt jede Autorität auf die Palme! Im Krankenzimmer der Kaserne werden die Patienten (ganz egal, ob Simulanten oder wirklich krank) so gequält, dass sie schliesslich lieber an die Front gehen, als diese Tortur noch länger auszuhalten; doch Schwejk mit seinem Rheuma gibt nicht nach. Es geht zuletzt doch an die Front; jeder andere würde jammern, aber Schwejk freut sich darauf. Dabei ist er immer nett und höflich (wenn er sich nicht gerade mit einem sturzbetrunkenen Feldprediger befassen muss, in einem solchen Fall kann er schon mal deutlich werden) und möchte es nach Möglichkeit allen recht machen. Ausserdem hält er sich stets an folgendes Motto: Ein Soldat darf nicht denken. Wenn er erst einmal anfängt zu denken, ist er kein Soldat mehr, sondern nur noch ein ganz gewöhnlicher Zivilist! Genau dadurch treibt Schwejk die Offiziere zur Verzweiflung – und dadurch, dass er für jede passende (und unpassende) Gelegenheit irgendeine Anekdote aus seinem umfangreichen Bekanntenkreis parat hat.

Verblödung im Dienst, Pedanterie, Brutalität, Schlamperei, Überheblichkeit… Jaroslav Hasek beschreibt das Militär Österreich-Ungarns jenseits aller k. u. k. Romantik. Na, das waren ja schöne Zustände! Kein Wunder, dass die Donaumonarchie den Krieg verloren hat.

20. Dezember 2016

Der Schepplin mit sein Hietchen

von Gabriel Weber

Im März 1931 erwartete Berlin einen ganz besonderen Besucher. Charlie Chaplin, der sich gerade anlässlich der Premiere seines neuen Films City Lights in Europa aufhielt, besuchte die deutsche Hauptstadt.

Am Montag, dem 9. März ist Chaplins Ankunft in Berlin Stadtgespräch. Ganz kurzfristig hat er London verlassen und sich auf den Weg nach Deutschland gemacht – nur einen Tag haben die Südfilm AG, die City Lights in Deutschland verleiht, und die Berliner Polizei Zeit für die Vorbereitungen. Warum die Polizei? Nun, man rechnet mit einem erheblichen öffentlichen Interesse (mit Recht, wie sich zeigen wird)! Um 17.17 Uhr ist es soweit: Am Bahnhof Friedrichstrasse steigt Charlie Chaplin aus dem Zug. Es herrscht ein solcher Andrang von Presseleuten und Schaulustigen, dass der Schauspieler und seine Begleiter nur mit Mühe überhaupt das wartende Automobil erreichen. Im Hotel Adlon ist für Chaplin die beste Suite reserviert (übrigens zu einem Vorzugspreis; Hotelier Louis Adlon lässt sich die Anwesenheit des Weltstars etwas kosten), doch vorher büsst der Besucher im Gedränge der Bewunderer noch sämtliche Hosenknöpfe ein. Und der Sturm der Begeisterung lässt auch in den folgenden Tagen nicht nach, egal ob Chaplin ins Theater geht (ein grosser Teil des Publikums interessiert sich wesentlich mehr für ihn als für das Geschehen auf der Bühne) oder ob er zum Tee ins Polizeipräsidium eingeladen wird (dabei gerät sein Tramp doch so oft mit der Polizei in Konflikt…). Der Filmstar trifft Berliner Prominente wie Albert Einstein und Marlene Dietrich, Leute wie Erich Kästner und Kurt Tucholsky schreiben Gedichte über ihn.

Doch nicht alle Leute in Berlin waren begeistert über den Besuch. Rechtsextreme Kreise in der untergehenden Weimarer Republik schimpften agressiv über den angeblichen Juden Chaplin, dem man obendrein Sympathien für den Kommunismus unterstellte. Ausserdem verübelte man ihm seine Veräppelung der Deutschen im Kriegsfilm Shoulder Arms (1918). Wolfgang Gersch hat in Chaplin in Berlin dieses Grossereignis rekonstruiert.

19. Dezember 2016

Lesezeichen 39 – Geheimnisvolle Weihnacht

von Julia S.

Schwingen Sie den Zauberstab… ach ne, das macht ja schon das Christkind :-)! Ihre Aufgabe ist lediglich, rechtzeitig Ihre (ellenlange) Wunschliste aus dem Fenster zu hängen, bevor der Weihnachtstag heranrückt. Übrigens gerade heute Nacht hat sich heimlich, still und leise der Schnee auf seine plüschigen Socken gemacht und unsere Landschaft – zumindest in der Ostschweiz (hier in Flawil um den www.buchplanet.ch und sicher in den höheren Regionen – in ein prachtvolles weiss verwandelt. Eine Märchenwelt, sozusagen! Freuen wir uns an den hübschen und mannigfaltigen Schneeflocken an den Autoscheiben lieber, als zu jammern des mühsamen Kratzens wegen. 😉 Eisblumen hurra!

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Weihnachten ach du schönste Zeit. Wenn der Schnee mal liegen bleibt und man das passende Bäumchen unter dem flockigen weiß suchen muss. Geheimnisvoll war König Ludwig II. von Bayern (1845-1886) seine ganze Lebensgeschichte, wer sich damit befasst. Er hat seine Märchenideen in die Tat umgesetzt und alles erbaut was ihm möglich war. Vor allem sein grösstes Projekt, das traumhafte Schloss in Schwangau bei Füssen in Deutschland, dem ultimativen Neuschwanstein, in dem er selbst nur zehn Tage seines Lebens verbrachte. Ein Ungewöhnliches Leben, aber auf ewig unergründlich geheimnisvoll. Vermutlich ein Vierspänner mit Schimmeln zog seine goldene Kutsche mit Kufen durch die Wintergegend. Schnee macht die Stimmung komplett, das hoffe ich auch für Sie. In Weihnachtsstimmung. In Erinnerung, dass unser Christus geboren ist, jeden Menschen liebt und auf Gespräche mit ihnen hofft. In diesem Sinne – gesegnete Festtage und – naja bei Schnee natürlich – einen guten Rutsch ins neue Jahr 2017. Vielen Dank für das fleißige Lesejahr!

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15. Dezember 2016

Faites vos jeux!

von Gabriel Weber

Um noch einmal auf das Thema Casinos und Glücksspiele (Blog vom 27. September 2016) zurückzukommen: Das Thema fasziniert viele Leute. Das Casino-Glücksspiel par excellence ist das Roulette. Jetzt bei buchplanet.ch: Das Buch der Glücksspiele von Kristian Kraus.

Wichtigster Bestandteil des Roulette ist ein runder Kessel, in dem die Zahlen 0 bis 36 nach einem ganz bestimmten (aber nur schwer zu durchschauenden) Prinzip angeordnet sind. Ausser der 0 hat jede Zahl die Farbe Rot oder Schwarz. Neben dem Kessel sind auf der Tischplatte die sogenannten Chancen angegeben, also die Möglichkeiten, wie man setzen kann. Man kann zum Beispiel auf eine einzelne Zahl setzen (plein), auf alle geraden Zahlen (pair), auf alle ungeraden (impair) oder auf eine Farbe (rouge bzw. noir). Es geht ruckzuck, zackzack: Man setzt, der Croupier bringt den Kessel und eine kleine weisse Kugel in Bewegung und sobald sich die Kugel auf einer Zahl niedergelassen hat, haben die Spieler (je nachdem, worauf sie gesetzt haben) gewonnen (selten) oder verloren (meistens). Je nach Wahrscheinlichkeit ist der Gewinn höher oder niedriger. Gespielt wird heute übrigens nur noch mit Plastik-Chips, nicht mehr mit richtigem Geld wie früher (schade!).

Niccolo Paganini war ein leidenschaftlicher Spieler. Ebenso Fjodor Dostojewski, durch dessen Roman Der Spieler das Roulette in die Weltliteratur einging. Es gab und gibt auch Spieler, die – warum, weiss man nicht – immer wieder spektakuläre Gewinne machen. Thomas Garcia war in den 1860er Jahren der Schrecken jeder Spielbank. Michail Kortikoff beobachtete tagelang genau den Spielverlauf, bevor er zum Angriff überging – und zwar so, dass den Croupiers angst und bang wurde.

13. Dezember 2016

Der Zar schippt Schnee

von Gabriel Weber

Nächstes Jahr jährt sich die Russische Revolution zum 100. Mal. Jemand, der den Glanz und den Untergang des einst glamourösesten Herrscherhauses Europas aus nächster Nähe miterlebt hat, war Tatjana Botkin. Ihre Erinnerungen an die Zarenfamilie sind jetzt bei buchplanet.ch erhältlich.

Tatjana ist die Tochter von Dr. Jewgeni Sergejewitsch Botkin, dem Leibarzt von Zar Nikolaus II. Nachdem er diesen Posten erhalten hat, zieht er mit seiner Frau Olga sowie den Kindern Dimitri, Juri, Tatjana und Gleb nach Zarskoe Selo, der Residenz des Zaren südlich von St. Petersburg. Weil der Thronfolger an Hämophilie leidet und auch die Zarin von recht schwacher Gesundheit ist, muss der Leibarzt oft seines Amtes walten. Infolgedessen entwickelt sich zwischen den Familien Botkin und Romanow eine enge Beziehung. Botkin ist nicht nur der Arzt, sondern auch ein enger Vertrauter des Zaren, den er nach der Revolution 1917 auch in die Gefangenschaft nach Tobolsk (Sibirien) begleitet. Als die Gefangenen dann später nach Jekaterinburg verlegt werden, geht Dr. Botkin mit – und er geht dort zuletzt auch mit der Zarenfamilie in den tödlichen Keller (Blog vom 16. Dezember 2013). Tatjana hingegen bleibt in Tobolsk zurück; dieser Umstand rettet ihr das Leben.

Tatjana Botkin schreibt mit viel Sympathie und Wärme über die Familie Romanow. Wohl ist ihre Sicht ein bisschen einseitig, aber das liegt in der Natur von Memoiren. Ergänzt wird das Ganze durch historische Fotografien. Der Ex-Zar beim Schneeschaufeln; Die Zarenkinder nach einer schweren Erkrankung, alle fünf mit kahlrasierten Köpfen; der lächelnde Zarewitsch Alexei in Uniformmantel und Pelzmütze, vermutlich das letzte existierende Bild von ihm…