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21. Juni 2018

Keine grosse Freiheit

von Gabriel Weber

In Die kleine Freiheit betrachtet Erich Kästner mit Kurzgeschichten, Liedern und Glossen die ersten Jahre der Bundesrepublik Deutschland.

Die grosse Freiheit ist es nicht geworden. / Es hat beim besten Willen nicht gereicht. So kommentiert Kästner ohne Illusionen den Neuanfang nach dem Krieg. Den Schulkindern gibt er einige gute Ratschläge mit: Haltet das Katheder weder für einen Thron noch für eine Kanzel! Lacht die Dummen nicht aus! Misstraut gelegentlich euren Schulbüchern! Auch das Goethe-Jahr 1949 wird eingehend betrachtet, besonders die zahlreichen Publikationen dazu: „Goethe und die Bekämpfung der Kleidermotten“, „Goethe als Christ“, „Goethe als Atheist“, „Goethe als Junggeselle“, „Goethe und die doppelte Buchführung“ und so weiter und so fort. „Wir haben ziemlich jeden Schwur / geschworen und gehalten. / Das liegt nun mal in unsrer Natur / und wir sind noch ganz die alten. / Wir kommen, sehen und siegen / in ziemlich allen Kriegen, / ganz wurscht, unter welcher Regierung.“ Wem legt Kästner wohl diese Worte in den Mund? Ganz einfach: Die militärische Wiederaufrüstung der jungen Bundesrepublik brachte vielen ehemaligen Wehrmachts-Generälen wieder Arbeitsmöglichkeiten.

Dann gibt es, wie überall, in der BRD auch den Pechvogel. Der Pechvogel hat immer die Finger dazwischen, wenn irgendwo eine Tür zufällt. Sogar dann noch, wenn es sich zuletzt um die Himmelstür handelt…

18. Juni 2018

Klimbim

von Gabriel Weber

(Dies ist mein Blog Nr. 450!) Einer der grössten Skandäle in der Geschichte Frankreichs war im Jahr 1785 die sogenannte Halsbandaffäre (L’affaire du collier).

Louis René Édouard de Rohan –  Aristokrat, Kardinal, Bischof von Strassburg, Gross-Almosenier von Frankreich etc. – hatte fast alles. Doch etwas fehlte ihm: Königin Marie Antoinette strafte ihn mit Verachtung. Um die Gunst Ihrer Majestät zu gewinnen, war der lebenslustige Kirchenfürst bereit, fast alles zu tun. Jeanne de La Motte war eine verkrachte Gräfin, die unbedingt ein Leben in Saus und Braus führen wollte. Zu diesem Zweck becircte sie den Kardinal, tat so, als verstehe sie sich gut mit der Königin, und bat ihn „für sie“ um Geld. Kardinal de Rohan tat ihr natürlich gern den Gefallen. Zur gleichen Zeit hatte zwei Pariser Juweliere ein Diamanten-Collier fabriziert, dass nicht seinesgleichen hatte; Die Königin zeigte jedoch wenig Interesse. Deshalb wandte sich die Juweliere Böhmer und Bessange mit der Bitte um Fürsprache an Madame de La Motte, die angebliche Busenfreundin der Königin. Das Ende vom Lied: Die Königin sah das Collier nie; Die Juweliere sahen ihr Geld nie; Die La Motte verduftete mit den Diamanten; Rohan, der die Sache vermittelt und für die Bezahlung gebürgt hatte (im Glauben, Ihrer Majestät damit einen Gefallen zu tun), war blamiert. Er wurde sogar verhaftet, später allerdings freigesprochen. Der Skandal war auf jeden Fall perfekt. Umso mehr, als auch ein guter Bekannter des Kardinals, Graf Cagliostro, in die Sache verwickelt zu sein schien. Ungerechterweise entlud sich der Volkszorn weder über Seiner leichtgläubigen Eminenz noch über der später verurteilten Comtesse, sondern über der schon damals sehr unbeliebten Marie Antoinette.

Nachlesen kann man die ganze Geschichte in Marie Antoinette und die Halsbandaffäre von Benedetta Craveri. Wie konnte aus einem im Grunde harmlosen Betrug eine solche Staatsaffäre werden? Auch sonst gibt es in diesem Thriller noch einige offene Fragen.

14. Juni 2018

Bilder eines Jahrhunderts

von Gabriel Weber

Decades enthält unzählige Fotos aus dem 20. Jahrhundert. Nach Jahrzehnten geordnet und ausführlich kommentiert, wird so eine zum Teil noch gar nicht so ferne Zeit lebendig.

Willy Brandts Kniefall in Warschau (1970), Wladimir Lenin in seinen letzten Wochen (1923), Emmeline Pankhurst wird nach einer politischen Aktion vor dem Buckingham Palace von der Polizei buchstäblich weggetragen (1914), Sowjetische Panzer rollen durch Budapest (1956), Michail Gorbatschow und Ronald Reagan in Genf (1985). Leute wie Harry Houdini (1900), James Matthew Barrie (1906), Mata Hari (1907), Anna Pawlowa (1913), Josephine Baker (1920), Walt Disney (1924), Shirley Temple (1935), Edith Piaf (1960), Orson Welles (1971) und Günter Grass (1997). Zu sehen gibt es Kuriositäten wie den achtjährige Mark Harman aus London, der pro Woche sechs Stunden lang zur Entspannung auf einem Nagelbett liegt (1976) oder eine Karmeliterin, die der Kamera den Rücken zuwendet, weil die Ordensregeln ihr verbieten, ihr Gesicht der Aussenwelt zu zeigen (1904). Der kleine Maharadscha von Jodhpur spielt, auf einem vornehmen Stuhl sitzend, selbstvergessen mit einem einfachen Spielzeughäuschen (1925). Kriminalbeamte testen eine kugelsichere Weste – über das Schicksal des Mannes, der die Weste bei diesem Test trug, ist leider nichts bekannt (1930). Ein älterer, vollschlanker Lette promeniert am Nudisten-Strand (1992).

Nicht zu vergessen sind natürlich auch Szenen aus dem Alltagsleben von damals. Haushalt, Schule, Sport… Grandiose neue Errungenschaften wie das Telefon oder das Flugzeug…

12. Juni 2018

Die Krone im Tornister

von Gabriel Weber

Ein weiteres „wahres Märchen“:

Es war einmal ein Mann – nennen wir ihn ganz einfach Karl. Karl stammt aus relativ bescheidenen Verhältnissen und beginnt seine Karriere als einfacher Soldat. Innerhalb von 24 Jahren bringt er es bis zum Marschall, dem höchsten Dienstgrad in seiner Armee. Während er noch Unteroffizier ist, ereignet sich in seiner Heimat nämlich ein politisches Erdbeben, infolgedessen die Offizierslaufbahn fortan nicht mehr den Adligen vorbehalten ist. Seine Karriere schafft Karl zum Teil im Gefolge eines anderen Militärs, der zuerst im eigenen Land die Macht übernimmt und schon wenige Jahre später den grössten Teil Europas beherrscht. Und eines Tages nimmt Karls Leben ein ganz unerwartete, geradezu märchenhafte Wendung. In einem Land im Norden wird dringend ein Thronfolger gesucht. Karls militärisches Können und seine Beziehungen zum damaligen Herrscher Europas geben den Ausschlag; der vom einfachen Soldaten zum Marschall aufgestiegene Bürgerliche wird vom Parlament des betreffenden Landes zum Thronerben gewählt und vom alten, kinderlosen König adoptiert. Acht Jahre später stirbt dann der König und Karl (der den Sturz seines einstigen Förderers dadurch überstanden hat, dass er rechtzeitig die Seite wechselte) besteigt im Alter von 55 Jahren den Thron. Es ist im wahrsten Sinn des Wortes die Krönung seiner Laufbahn.

Vom Tornister über den Marschallstab zur Königskrone – Jean Baptiste Bernadotte bzw. König Karl XIV. von Schweden und Norwegen (1763-1844) und seine Frau Desirée Clary bzw. Königin Desideria (einst die Verlobte Napoleons) begründeten eine Dynastie, die bis heute auf dem schwedischen Thron sitzt. Bürger – Marschall – König ist eine Publikation zu einer Ausstellung auf der Insel Mainau 1998.

7. Juni 2018

Schützen wir die Lehrer!

von Gabriel Weber

Dass Schüler von Lehrern gepiesackt werden, ist ja nichts neues. Im Deszö Kosztolanyis Roman Der Goldene Drachen ist es einmal anders herum.

Doktor Antal Novák ist Mathematik- und Physiklehrer am Gymnasium einer kleinen Stadt in Ungarn. Die Schüler grinsen über seinen Strohhut, über seine Anzüge, über seine Gewohnheiten, aber im Grunde ist er gar nicht so unbeliebt. Übrigens ist der Doktor Witwer und hat eine Tochter namens Hilda. Diese wiederum ist mit dem Schüler Tibor Csaijkás liiert, was ihr Vater gar nicht schätzt. Vili Liszner, Gyuszi Oláh, Bandi Huszár und die anderen Pennäler bereiten sich inzwischen auf das Abitur vor, allerdings mit wenig Enthusiasmus. Besonders Vili hat mit der Schule wenig am Hut; er ist Sportler, ein richtiger Athlet, und dafür braucht er weder Quadratwurzeln noch Pendelbewegungen! Novák wiederum kann nicht begreifen, warum er sich eigentlich jahrelang mit so einem vernagelten Burschen herumschlägt. Dann kommt es zum offenen Konflikt: Vili fällt beim Abitur durch und sinnt auf Rache. Eines Abends wird der nichtsahnende Doktor Novák auf der Strasse überfallen und verprügelt. Und das ist erst der Anfang…

Schützen wir die Polizei! forderte einst Georg Kreisler (siehe Blog vom 12. November 2013). Ich würde sagen: Schützen wir die Lehrer! Sie haben es nötig!

5. Juni 2018

Upstairs, Downstairs

von Gabriel Weber

So eine Art Mischung aus Oliver Twist, Downton Abbey und Harry Potter ist Holly Webbs Roman Rose und das Geheimnis des Alchemisten.

Die kleine Rose lebt in einem stark fiktionalisierten viktorianischen London, und zwar im Waisenhaus von St Bridget’s (Viktorianische Waisenhäuser! Ich kann es mir lebhaft vorstellen…). Ihre grosse Stunde schlägt, als sie Dienstmädchen wird. Bei Aloysius Fountain lernt Rose einen echten Upper-Class-Haushalt kennen: Downstairs (unten) lebt das Personal, streng hierarchisch gegliedert, regiert von der Haushälterin. Als jüngstes Dienstmädchen steht Rose natürlich zuunterst in der Rangordnung. Upstairs (oben) lebt die Herrschaft, Mr Fountain, von Beruf Alchemist bzw. Zauberer, seine Tochter Isabella, eine furchtbar verzogene Göre – und Frederick „Freddie“ Paxton, der Zauberlehrling des Hausherrn. Das neue Dienstmädchen lernt bald die wichtigsten Regeln. Immer die Hintertreppe benutzen, nie die Haupttreppe! Für die Herrschaft möglichst unsichtbar und unhörbar bleiben! Nur dann reden, wenn man gefragt wird! Vorläufig hat Rose nicht viel mit der Herrschaft zu tun, allerdings lernt sie den etwa gleichaltrigen Freddie näher kennen. Zunächst ist sie angewidert von diesem blonden Schnösel im Samtanzug, doch bei näherer Betrachtung sind sich die Beiden gegenseitig gar nicht so unsympathisch. Dann ist da noch der weisse Kater Gustavus, genannt Gus. Dass Rose sich mit ihm verständigen kann, ist nur eines von mehrerern seltsamen Ereignissen, die darauf hindeuten, dass Rose ebenfalls magische Kräfte besitzt. Sie ist zwar selber gar nicht so erpicht darauf, doch Freddie erkennt mit fachmännischem Blick ihr Talent. Viel dringender ist aber im Moment die Frage, warum in London immer wieder Kinder spurlos verschwinden, darunter auch Roses Waisenhaus-Freundin Maisie. Rose, Freddie und Gustavus (etwas später gesellt sich auch Isabella hinzu, die viel brauchbarer ist, als man annehmen sollte) machen sich auf die Suche. Und sie entdecken etwas Schauerliches…

Wie schon eingangs angedeutet: Dieses Buch bietet jedem etwas, von der Sozialgeschichte bis zur Fantasy.

31. Mai 2018

Herr Kremer zeichnet

von Gabriel Weber

Ein neues „wahres Märchen“:

Es war einmal ein gewisser Herr Kremer, der am 5. März 1512 in Flandern zur Welt kommt. Sein Vater ist Schuhmacher. Trotz der einfachen Herkunft kommt Herr Kremer durch seinen Onkel, einen Priester, zu einer guten Bildung. Er kann sogar an der Universität Löwen studieren. Doch das Gebiet, auf dem er schliesslich heimisch werden wird, ist weder die Theologie noch die Philiosophie, sondern die Geographie. Es ist das Zeitalter der Entdeckungen, daher besteht in Europa eine grosse Nachfrage nach Land- und Seekarten, die durch den Buchdruck neuerdings auch in grossen Auflagen hergestellt und verbreitet werden können. Zwischen 1535 und 1537 baut Herr Kremer zusammen mit zwei anderen Herren einen Erdglobus und einen Himmelsglobus. Wenig später veröffentlicht er sein erstes eigenes Werk – eine Karte des biblischen Palästina. Damit beginnt seine Karriere. Herr Kremer fabriziert Karten und Globen, deren Qualität und Präzision die Leute in Staunen versetzen. 1569 legt er sein Meisterwerk vor, eine Weltkarte aus 18 separaten Blättern. Herr Kremer entwickelt eine Methode, die bekanntlich kugelförmige Erde möglichst genau auf eine Fläche zu übertragen, die im Prinzip heute noch angewandt wird. Vom Schweizer Schulatlas bis zu den Weltraumkarten der NASA – ohne den Sohn eines flandrischen Schuhmachers, der übrigens während der Religionskriege als „Lutheraner“ drei Monate in Haft sitzt, sähe alles anders aus. Am 2. Dezember 1594 stirbt Herr Kremer in Duisburg (damals noch eine verschlafene Kleinstadt).

Er hiess Gerhard Kremer oder Krämer, legte sich jedoch, wie viele Gelehrte zu seiner Zeit, einen lateinischen „Künstlernamen“ zu: Gerhard Mercator. Jetzt bei buchplanet.ch: Der Weltbeschreiber von Nicholas Crane.

29. Mai 2018

Petri Heil!

von Gabriel Weber

Das könnte sich Simon Templar, genannt „Der Heilige“, gedacht haben.

Eine Nacht, ein Schrei, ein Schuss – und dann fischt der steinreiche Amateurdetektiv Simon Templar eine sehr attraktive (und sehr lebendige) junge Dame aus dem Ärmelkanal. Mal ehrlich: Könnte eine Kriminalgeschichte vielversprechender anfangen? Die junge Dame heisst Loretta Page, ist von Beruf Detektivin und berichtet dem „Heiligen“ – sozusagen unter Kollegen – von dem Fall, den sie gerade bearbeitet: Irgendjemand hebt heimlich Schätze aus gesunkenen Schiffen. Das ist illegal, denn eigentlich stehen die Bergungsrechte den Versicherungen zu, welche die Schiffseigentümer für den Verlust entschädigt haben. Diese Versicherungen, immerhin um riesige Summen geschädigt, sind Lorettas Auftraggeber, beziehungsweise die Auftraggeber ihres Arbeitgebers, der Detektei Ingerbeck. Simon Templar interessiert sich sowohl für die Dame als auch für den Fall. Na ja, vielleicht doch etwas mehr für die Dame als für den Fall. Aber jedenfalls befasst er sich mit der Sache. Es dauert nicht lange, da macht Simon auch schon die Bekanntschaft von Kurt Vogel, dem Hauptverdächtigen dieses Falles. In Vogels Begleitung befindet sich Professor Yule, ein Tiefseeforscher, der ein neues Tauchgerät ausprobieren will. Sind die beiden Herren mit der Jacht Falkenberg nur zufällig an der Küste? Ganz in der Nähe liegt die Chalfont Castle auf dem Meeresgrund…

Der Heilige über Bord von Leslie Charteris ist ein Krimi aus dem Jahr 1936. Simon Templar weist viele Merkmale des klassischen Krimi-Detektivs auf: Er ist kein Polizeibeamter, sondern ein finanziell unabhängiger Privatmann, der sich aus persönlichem Interesse der Verbrecherjagd widmet. Und er hat auch einen treuen Begleiter, den Diener Orace.

24. Mai 2018

„He flies through the air with the greatest of ease…

von Gabriel Weber

…the daring young man on the flying trapeze“, so beginnt der Refrain eines alten Schlagers. Ums Trapez geht es auch in der Fernsehserie Salto Mortale, jetzt in Buchform (von Heinz Oskar Wuttig) bei buchplanet.ch vorhanden.

Die Dorias, wohnhaft in Solothurn, sind eine Familie von Trapezakrobaten. Und zwar gehören sie in ihrem Fach zur absoluten Weltspitze! Der Patriarch Carlo steigt zwar aus Altersgründen nicht mehr selber in die Zirkuskuppel, hält jedoch die Zügel fest in der Hand. Er leitet die Truppe, schliesst die Verträge ab, kommandiert beim Training und sagt überhaupt, wo es langgeht. Die aktive Akrobatik besorgen seine Kinder Sascha, Francis und Viggo sowie die Schwiegerkinder Lona und Rodolfo (übrigens sind bis dato auch schon drei Enkelkinder vorhanden). Eigentlich wollten die Dorias gerade eine Saison aussetzen und Urlaub machen, doch dann unterbreitet ihnen der Impresario Jakobsen ein so lukratives Angebot, dass die Familie nicht widerstehen kann. Und so geht es mit dem Zirkus Krone auf Europa-Tournee! Amsterdam, London, Marseille, Sevilla, Neapel, Athen, Istanbul… Wenn man so lange so eng beieinander lebt, bleiben gewisse menschliche Spannungen natürlich nicht aus. Zirkusdirektor Kogler und seine Sekretärin Helga haben alle Hände voll zu tun, damit alles glatt geht und jeden Tag eine funktionierende Vorstellung zustande kommt. Denn ganz egal, was auch passiert, die Show muss weitergehen! Auch bei der Familie Doria hängt hin und wieder der Haussegen schief (bzw. der Wohnwagensegen). Meistens ist es dann an Carlo, dem liebevollen Diktator, die Sache irgendwie wieder einzurenken. Und wenn wieder einmal der Abenteurer Mischa aufkreuzt, das schwarze Schaf der Familie, dann bedeutet das meistens Ärger. Was immer auch dazu gehört, ist die Angst. Denn schliesslich könnte, gerade in der Branche der Dorias, jeder Auftritt der letzte sein…

Zum 70. Geburtstag von Hauptdarsteller Gustav Knuth (Carlo Doria) wurde diese Sonderausgabe herausgegeben, ergänzt durch zahlreiche Bilder aus der Serie.

22. Mai 2018

Herr L. und sein Irrtum

von Gabriel Weber

Friedrich Lodemanns Erinnerungen Der grosse Irrtum (herausgegeben und mit Anmerkungen versehen von seinem Sohn Jürgen) sind eine sehr aufschlussreiche Lektüre.

Friedrich Lodemann (1894-1973) war Ingenieur bei der Firma AEG und ausserdem Blockwart in Essen, also gewissermassen „Unteroffizier“ der NSDAP (Parteimitglied seit 1931). Hier erzählt er aus der Zeit des Dritten Reichs, aber auf eine besondere Art. Im Gegensatz zu vielen seiner zeitgenössischen Landsleute ist Lodemann aufrichtig: Er bestreitet nichts, verharmlost nichts, versucht nicht, sich irgendwie herauszureden, sondern übernimmt ganz offen und ehrlich die moralische Verantwortung für sein damaliges Verhalten. Er erläutert klar, warum er Nationalsozialist wurde (vorwiegend aus wirtschaftlichen Gründen) und warum er sich schliesslich noch vor 1945 wieder vom Nationalsozialismus abwandte (aus Enttäuschung über nicht eingehaltene Versprechungen). Auch den Holocaust nennt Lodemann schonungslos beim Namen.

Im Ersten Weltkrieg war Lodemann übrigens Matrose in der Kaiserlichen Marine. Seine Karriere als Offiziers-Anwärter endete dadurch, dass er einen Vorgesetzten ohrfeigte… Auf dem Umschlag des Buches zu sehen sind Lodemann Senior, flankiert von seinen beiden älteren Söhnen in HJ-Uniformen – und vorne der kleine Jürgen. Von seinem Vater (so zumindest die familiäre Überlieferung) aus Pflichtgefühl gezeugt, weil die sogenannte „arische Rasse“ sich ja vermehren sollte und dafür, rein mathematisch gesehen, pro Ehepaar mindestens drei Kinder nötig waren.